Neuer Medikamenten-Ballon erlöste mich von den Schmerzen im Bein

Selbsthilfe_BewegungAnja Voigt (43) hatte eigentlich alles richtig gemacht. Mindestens zweimal in der Woche war die schlanke Altenpflegerin im Sport-Studio, hatte dank gesunder Ernährung absolute Idealmaße. Ihre einzige, gesundheitliche Sünde lag lange zurück: Bis Mitte 30 hatte die Frau aus Erfurt regelmäßig geraucht.

Abstinenz. „Mit dem griff zur Zigarette war natürlich umgehend Schluss, als ich im Frühjahr 2007 schwanger wurde“, erzählt sie. „Doch dafür nahm ich deutlich zu – 15 Kilo mehr brachte ich zur Geburt von Leonie auf die Waage.“

Beschwerden. Danach war erstmal Rückkehr zur alten Figur angesagt. Doch als Anja Voigt nach zwei Monaten wieder in Bewegung kommen wollte, traten zum ersten Mal Beschwerden im linken Bein auf. „Es begann fast harmlos mit einem Druckgefühl, gefolgt von einem Brennen“, erinnert sie sich. „Wenn ich dagegen angehen wollte, wurde der Schmerz nur stärker – so als würde mir jemand ein Messer ins Bein bohren“.

Beschwerde_Beinschmerzen2Interpretation. Wegen des anspruchsvollen Sportprogramms hielt Anja Voigt die Beschwerden zunächst für Überlastung, trat ein bisschen kürzer. Doch besser wurde es nicht. Im Gegenteil: die Schmerzen traten immer früher auf. Fünf Jahre später stand die blonde Frau nicht einmal mehr eine ganze Trainingsstunde durch, musste selbst im Alltag immer öfter stehen bleiben.

Untersuchung. „2013 bekam ich es langsam mit der Angst zu tun, humpelte zum Hausarzt“, sagt die tapfere Frau. „Bis auf einen deutlich erhöhten Cholesterin-Spiegel konnte er aber nichts feststellen. Ich bekam eine Überweisung in die Klinik zum Gefäßultraschall.“

Diagnostik_Ultraschall2Halbiert. Das Ergebnis der so genannten Doppler-Untersuchung Ende 2013 war erschütternd. Die linke Bein-Becken-Arterie wies einen langstreckigen Verschluss über zehn Zentimeter auf. Die Messung des Knöchel-Arm-Indexes ergab, dass die Bein-Durchblutung um mehr als die Hälfte reduziert war.

Operation. „Die Ärzte im Krankenhaus rieten mir zum Knie-Bypass. Dazu wird eine überflüssige Vene aus dem Bein entnommen, dann oberhalb und unterhalb der Gefäßverengung an die Schlagader angeschlossen“, berichtet Anja Voigt. „Doch ich hatte Angst vor einem solchen großen Eingriff, für den fast das halbe Bein aufgeschnitten werden muss. So beschloss ich, mich erst noch einmal umzuhören.“

Hoffnung. Im Internet stieß sie beim Googlen auf das Institut für Interventionelle Radiologie in Jena, wo seit kurzem Gefäßveränderungen per Katheter minimalinvasiv behandelt werden – unter anderem per neuem, medikamentenbeschichteten Mini-Ballon!

Arztgespraech_AnamneseHintergrund. „Seit Ende der 1980er Jahren wurde immer wieder versucht, die Katheter-Technik zu nutzen, die sich am Herz schon lange bewährt hat“, erklärt ihr dort der leitende Oberarzt Dr. René Aschenbach (42). „Aufgrund der komplizierteren, anatomischen Verhältnisse – längere Gefäßstrecken mit variableren Durchmessern von fein bis dick – blieben die Ergebnisse am Bein allerdings leider lange Zeit unbefriedigend. Erst dank vieler Fortschritte in den letzten Jahren sind wir heute in der Lage, per Katheter den großen, gefäßchirurgischen Eingriff um Jahrzehnte hinauszuzögern bzw. ganz überflüssig zu machen.“

Experte_BeschichteterBallon4Fortschritt. So führt das Aufdehnen einen Gefäßes per Ballon stets zu einer gewissen Verletzung der Innenhaut. Die anschließende Selbstheilung des Gefäß-Endothels inklusive Narbenbildung fördert wiederum den Wiederverschluss. „Um das zu Verhindern verwenden wir jetzt Ballons, die mit Medikamenten beschichtet sind“, erklärte Dr. Aschenbach. „Der Wirkstoff wird gleich beim Öffnen des Gefäßes in die Gefäßwand gepresst und so die schädliche Narbenbildung unterdrückt.“

Lokalisation. Dank des neuen Konzepts der Angiosomen kann Dr. Aschenbach außerdem den vom Patienten empfundenen Schmerzen genau einem Gefäß zuordnen. „Wir wissen heute, dass die drei Unterschenkelarterien ganz unterschiedliche Hautareale am unteren Bein versorgen“, erläutert der Experte. „Je nach dem, welches Gefäß verengt ist, ändert sich auch das Gebiet am Bein, in dem der Schmerz auftritt. Anhand dieser neuen Schmerzlandkarte können wir gezielt die Unterschenkel-Arterie behandeln, die für die Beschwerden verantwortlich ist.“

Therapie_Katheterlabor4Schnell. Der circa 45minütige Eingriff im Mai 2014 wird bei Anja Voigt nur unter lokaler Betäubung der Leiste gemacht. Über einen Einstich schiebt von dort der Arzt unter Röntgenkontrolle zunächst einen feinen Führungsdraht in die betroffene Schlagader so weit vor, bis er die Engstelle erreicht hat. Darüber folgt dann der eigentliche Katheter mit dem Ballon. „In der Verengung wird der Ballon aufgepumpt und die Verkalkung gesprengt“, sagt der Arzt. „Anschließend werden Katheter und Führungsdraht einfach aus dem Bein herausgezogen.“

Patientengespraech_EntlassungBiopflaster. Dank des Verschluss’ der Einstichstelle in der Leiste mit „Fibrin“-Kleber – einem künstlich gewonnenen Gerinnungseiweiß – ist anschließend auch nicht mehr ein lästiger Druckverband notwendig. Nach zwei Stunden kann Anja Voigt nach Hause gehen.

Schmerzfrei. „Der Erfolg war erstaunlich“, strahlt sie bei der Nachuntersuchung Ende letzten Jahres. „Quasi augenblicklich war ich beschwerdefrei. Das Thema OP ist für mich jetzt Gott sei Dank vom Tisch!“

Drei Fragen an Dr. René Aschenbach (42)

Experte_DrAschenbachWas bedeutet „pAVK“ eigentlich genau?

Bei der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit handelt es sich um eine Störung der Durchblutung – zu 90 Prozent in den Beinen und nur zu zehn in den Armen. Alarmsignale sind einseitige Schmerzen in Gesäß, Oberschenkel oder Wade, da die Muskulatur zu wenig Sauerstoff bekommt.

Ab Stadium II wird die Gehstrecke betroffen. Die Schmerzen zwingen immer früher zum Stehen bleiben – im Stadium IIb bereits nach weniger als 200 Meter. Daher auch der Name: „Schaufensterkrankheit“.

Klingt unangenehm – aber was ist daran so lebensgefährlich?

Der Verlauf. Bereits im Stadium III treten die Schmerzen in Ruhe auf und in Stadium IV kommt es zum Absterben von Gewebe. Eine Amputation ist dann oft einzige Rettung.

Tragisch: Nach einer Amputation sterben über sechs von zehn Betroffenen innerhalb der nächsten fünf Jahre. Damit ist jede Therapie lebensrettend, die die Amputation verhindern kann.

Therapie_Katheterlabor10Wann kommt dann ein Stent zum Einsatz?

Wenn wir während des Eingriffs sehen, dass sich das Gefäß nach der Dehnung wieder zusammenzieht, greifen wir auf die Gefäßstütze zurück. Hoffnung machen hier neue Drahtgeflechte aus neuen Titan-Legierungen, die den Wiederverschluss verringern können.

Die Erkrankung: Früher erkennen

001__11Fünf Millionen Deutsche leiden an Durchblutungsstörungen der Beine. Unbehandelt sinkt durch die Gefäßverkalkung die Lebenserwartung um zehn Jahre. Deshalb ist eine frühzeitige Therapie so wichtig.

Fakt ist: Neben Rauchen führen vor allem Fehlernährung und Bewegungsmangel, aber auch Veranlagung, Bluthochdruck, Diabetes und ein erhöhter Blutfettspiegel dazu, dass sich aus einer Schädigung der Gefäßinnenwand die folgenschwere Ablagerung bildet

Diagnose: Einfach gemessen werden kann die Krankheit mit dem so genannten Knöchel-Arm-Index, bei dem sowohl an beiden Handgelenken, als auch bei den Fußgelenken der Blutdruck gemessen wird. Unterschiedliche Werte geben Alarm.

Experte_UltraschallDer Arzt: Katheter-Spezialist

Dr. René Aschenbach (42) ist ein so genannter „interventioneller Radiologe“, das heißt er setzt bildgebende Verfahren wie Röntgenaufnahmen nicht nur zur Diagnose, sondern auch zur Behandlung von Krankheiten ein, in dem er „unter Röntgensicht“ mit Kathetern vor allem Gefäßveränderungen in Bein, Becken, Niere oder Halsschlagadern behandelt.

 

Vorbeugung: So laufen Sie der PAVK davon

Die Verkalkung der Gefäße ist kein unabwendbares Schicksal. Sie wird durch Faktoren wie Rauchen, Bewegungsmangel, Übergewicht, Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen beschleunigt. Turbobooster ist Diabetes.

Blutfettspiegel senken: Meiden Sie möglichst fettes Fleisch, Eier und Sahne, verwenden Sie statt dessen pflanzliche Öle. Regelmäßige körperliche Aktivität erhöht das gute HDL-Cholesterin und senkt das schlechte LDL-Cholesterin.

Weniger Salz: Hilfreich ist auch, beim Essen Salz einzusparen. Vorsicht vor allem mit gepökeltem Fleisch und Salzgebäck. Ernähren Sie sich möglichst kaliumreich: Bananen, Kartoffel, Erbsen, Spinat.

Therapie_BeschichteterBallon4Mehr Infos: Adressen und Tipps

Nach Verordnung durch den Hausarzt oder Facharzt ist die Behandlung mit dem neuen Ballon eine Kassenleistung

Kontakt Jena: Universitätsklinikum Jena

Universitätsklinikum Jena II, Minimal-invasive Ambulanz, Erlanger Allee 101, 07747  Jena, Tel: 03641 9324831, Internet: www.idir.uniklinikum-jena.de/mia

Hinweis: bei der vorgestellten Patienten-Reportage handelt es sich um einen Einzelfall. Der individuelle Behandlungsbericht erhebt nicht Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Bitte beachten Sie, dass meine Artikel in keinem Fall den Besuch beim Arzt ersetzen. Dieser Blog dient allein der medizinjournalistischen Information.

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About André Berger

Geboren in Hamburg. 1986-1990 freier Reporter. 1991 Redakteur Heinrich Bauer Verlag. Seit 1992 freier Medizinreporter Meine Arzt- & Patienten-Reportagen (Text & Fotos) erscheinen regelmäßig in den großen, wöchentlichen Publikums- und Frauenzeitschriften des Burda-Verlags, der Funke-Gruppe und des Bauer Verlages