Dank des Zungenschrittmachers können wir beide endlich in Ruhe schlafen

Arztgespraech_EhepaarHeckelFrieden. Seit über 16 Jahren lebt Juliana Heckel (46) mit ihrem Mann Hanspeter zusammen. Doch so entspannt wie am Morgen Anfang Dezember 2015 hat die Münchner Sekretärin ihren Gatten zuvor nur wenige Male gesehen: Ganz friedlich mit geschlossenem Mund, gleichmäßig durch die Nase ein- und ausatmend liegt er neben ihr. „Ich dachte zurück an seine OP vor gut einem Monat. Und wie gut er alles überstanden hat. Und im Moment der Erleichterung begriff ich erst, wie sehr sein Schnarchen unser beider Leben bis dahin geprägt hatte.“

Beschwerde_SchnarchenUnfall. Die nervigen, nächtlichen Atemgeräusche stimmte Hanspeter Heckel (58, Journalist) quasi von Kindesbeinen auf an. „Als Fünfjähriger hatte ich mir an einer Taschenablage vorm Tresen einer Metzgerei die Nase gebrochen“, erzählt er launig. „Fortan hieß es: ,der Bub schnarcht schlimmer als ein Alter.’ Mit 16 wurde mir deswegen die Scheidewand gerichtet. Leider hatte das genauso wenig Erfolg, wie die operative Korrektur des Gaumensegels später mit 36.“

Apnoe. Fast zeitgleich gesellten sich zu den nächtlichen „Sägewerks-Arien“ auch Atemaussetzer dazu. Die so genannte Schlafapnoe wurde zum weiteren Lebensbegleiter. „Nie werde ich die erste Übernachtung bei Hanspeter vergessen“, erzählt Juliana. „Ich wurde wach, weil es plötzlich neben mir so still war. Als mir dämmerte, dass Hanspeter nicht mehr atmete, zählte ich im Kopf die Sekunden: 21, 22, 23…Bei 60 angekommen wurde mir richtig mulmig“.

Erfolg_Ausgeschnarcht3Nachtwache. Leicht panisch rüttelte Juliana an ihrem Freund, bis der auffuhr, lautstark tief Luft holte und quasi augenblicklich erneut in Tiefschlaf verfiel. „Keine zwei Minuten später setzte die Atmung schon wieder aus. In der restlichen Nacht bekam ich kein Auge zu. Meine größte Sorge war, dass ich am nächsten Morgen neben einem Toten aufwachen werde, wenn ihn nicht ständig ans Atmen erinnern würde.“ Später erfuhr sie, dass der Körper schon selbst einer akuten Sauerstoff-Unterversorgung zuvorkommt, in dem er mit einer Ausschüttung des Alarmbotenstoffs Adrenalin dafür sorgt, dass der Schlaf unterbrochen wird und der Schnarchende wieder Luft bekomme.

CpapSymptome. Richtig erholsam ist so eine ständige Unterbrechung des Schlafes aber natürlich nicht. Das merkte Hanspeter Heckel auch an sich selbst, in dem er zunehmend stärker unter Tagesschläfrigkeit litt – oft auch auf längeren Autofahrten. Vor zehn Jahren meldete er sich deswegen im Schlaflabor an und bekam ein so genanntes CPAP-Gerät.

Verbesserung. „Mit Hilfe der Beatmungsmaschine wurden nachts die Atemwege offengehalten. Ich war erleichtert, dass es endlich etwas gab, was meinem Mann helfen konnte“, blickt Juliana zurück. „Dass er nachts dafür eine Maske tragen musste, störte mich nicht.“

Beschwerde_Schnarchen4Pyrrhussieg. Doch über die Jahre erwies sich das CPAP-Gerät als lästig. Nicht nur weil ein Kurztripp nach Venedig oder Paris mit so einem Kasten im Gepäck schwierig ist. Dazu kommt die tägliche Pflege zu Hause. „Kritisch wurde es, als Hanspeter immer häufiger unter verstopften Nasennebenhöhlen litt, deshalb seltener as Gerät benutzte. Öfter als mir lieb war, musste ich erneut aus dem Schlafzimmer auf die Besuchercouch ausweichen.“

Arztgespraech_SchlaflaborInnovation. Die Ankündigung eines Infoabends in der Zeitung Ende August letzten Jahres macht den Münchener Journalisten dann auf ein neues Verfahren aufmerksam, das an der Technischen Universität im Klinikum rechts der Isar eingesetzt wird: per so genanntem Zungenschrittmacher werden hier seit vier Jahren die nächtlichen Atemaussetzer gestoppt.

Verschluss. „Hauptursache für die Störung der Atmung ist ein Erschlaffen von Zunge und anderer Weichteile während des Schlafs,“ erklärte ihm auf der Veranstaltung der verantwortliche Oberarzt Privatdozent Dr. Clemens Heiser (35). „Es kommt zu einer Verengung des Rachens. Das freie Gewebe schwingt nicht nur wie eine Gitarrensaite im Luftstrom – und führt zum typischen Schnarchgeräusch; in manchen Fällen führt die fehlende Muskelspannung dazu, dass das schlaffe Gewebe den oberen Atemweg verschließt.“

Arztgespraech_Schrittmachergrafik2Schonend. Bei mittelschweren bis schweren Atemaussetzen, die per CPAP nicht behandelt werden können, setzt man im Klinikum ”Rechts der Isar“ deshalb ganz gezielt und gewebeschonend auf die Stimulation des Unterzungennerv in der Nacht – mit beeindruckendem Erfolg.

Verbesserung. „Jeder unserer Patienten, der bisher ein Implantat erhalten hat, hat von der Therapie profitiert. Unruhiger Schlaf, Schnarchen, Tagesschläfrigkeit, Kopfschmerzen und verminderte Leistungsfähigkeit tagsüber – in all diesen Bereichen konnte die Stimulation der Zunge eine Verbesserung der Lebensqualität erzielen“, stellte Privatdozent Dr. Heiser im Rahmen der Anwendungsbeobachtung fest.

Arztgespraech_Schrittmacher2Verkabelt. Das Besondere: Der Zungenstimulator wird unter Vollnarkose unterhalb des Schlüsselbeins im rechten Brustbereich implantiert – ganz ähnlich eines Herzschrittmachers. Von dem Gerät, das etwa die Größe einer Streichholzschachtel hat, legen die Ärzte ein dünnes Kabel zum Rippenbogen.

Impuls. „Dieses misst die Bewegung des Rippenfells und damit die Atemtätigkeit“, so Heiser. „Ein zweites Kabel führt zum Hypoglossus-Nerv direkt unter der Zunge. Atmet der Patient ein, bekommt der Zungennerv während des Einatmens einen Impuls, die Zungenmuskulatur wird angespannt und die Zunge bewegt sich vorübergehend Richtung Schneidezähne. Der Rachen bleibt frei, und die Atemluft kann ungestört in die Lunge strömen.“

Diagnose_GaumensegelPerfekt. Juliana Heckel ist sofort begeistert, als ihr Hanspeter am nächsten Tag von der Infoveranstaltung berichtet. „Mach’ das – das ist eine echte Chance!“ Und so meldet sich der Münchner in der HNO-Klinik zur weiteren Diagnostik an. „Nach einer Untersuchungsnacht im Schlaflabor stand ziemlich schnell fest, dass ich ein perfekt geeigneter Kandidat bin. Und nach einem weiteren Arztgespräch zusammen mit meiner Frau bekam ich den OP-Termin Anfang November 2015.“

Operation_Zungenschrittmacher12Operation. Den zweieinhalbstündigen Eingriff selbst hat Hanspeter Heckel komplett stressfrei erlebt. „Ich hatte keinerlei Schmerzen, konnte bereits am dritten Tag entlassen werden. Sprechen, Schlucken, Schmecken – alles funktionierte weiter vollkommen normal. Jetzt musste ich nur noch einen Monat warten, bis die Zungensonde so weit eingeheilt war, dass die Stimulation dauerhaft erfolgen konnte“.

Anwendung_Fernsteuerung3Aktivierung. Mit einer kleinen, handlichen Fernbedienung, die der Patient danach mit nach Hause bekommt, wurde Anfang Dezember 2015 der Schrittmacher erstmals eingestellt. Hanspeter Heckel: „Die Stimulation der Zunge ist dabei nicht unangenehm. Man spürt ein Kribbeln und wie sie sich nach vorne bewegt. Doch das ist alles kein Problem, da ich das Gerät selbst an- und ausschalten kann. Die Stimulation erfolgt zudem mit einer gewissen Zeitverzögerung. So schlafe ich meist tief und fest, wenn der Schrittmacher erwacht.“

Aktiv_EhepaarHeckel2Lebensgefühl. Auch Ehefrau Juliana ist begeistert: „Dank des Zungenschrittmachers können wir beiden endlich in Ruhe schlafen. Es ist ein ganz neues Lebensgefühl“, strahlt sie. „Zudem ist Hanspeter auch tagsüber viel aktiver. Wir gehen öfter spazieren, fahren Fahrrad oder besuchen abends eine Ausstellung. Dazu war er früher oft zu müde!“

 

Experte_DrClemensHeiser4Vier Fragen an den Privatdozenten Dr. Clemens Heiser (35), Oberarzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde und Leiter des Schlaflabors im Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München

Was meinen Sie eigentlich genau, wenn Sie von einer obstruktiven Schlafapnoe – kurz OSA – sprechen?

OSA ist eine Atmungsstörung, bei der die Zunge, der weiche Gaumen oder auch der Kehldeckel während des Schlafs so sehr erschlaffen, dass die oberen Atemwege blockieren.. Frischluft kann den Luftweg nicht mehr passieren. Häufig ist damit ein Abfallen des Sauerstoffs im Blut verbunden. Das zentrale Nervensystem bemerkt das Problem und weckt den Körper kurzzeitig aus dem Schlaf auf („Arousals“). Dadurch werden die Muskeln der oberen Atemwege aktiv und die Luftwege wieder eröffnet.. Diese Atemaussetzer („Apnoen“) können sich mehrmals pro Stunde während der Nacht wiederholen.

Operation_Zungenschrittmacher11Was ist daran so gefährlich?

Viele Patienten leiden unter einem unerholsamen Schlaf. Das drückt nicht nur entsprechen auf die Lebensqualität und führt zu bleiernder Tagesmüdigkeit. Auch die Unfallgefahr – z.B. im Straßenverkehr – steigt durch gefährlichen Sekundenschlaf bei monotonen Tätigkeiten rapide an. Die Atemaussetzer und die damit verbundene schlechtere Sauerstoffversorgung haben zudem negative Folgen auf das Herz-Kreislauf-System. So kann die obstruktive Schlafapnoe zur Entwicklung von weiteren Folgeerkrankungen beitragen, z.B. Bluthochdruck, Herzversagen, Rhythmusstörungen, Schlaganfall, Gewichtszunahme und Diabetes. Deshalb ist die Therapie so wichtig.

Therapie_SchrittmacherFür wen kommt der Schrittmacher in Frage und wie funktionert er?

Die Stimulationstherapie ist eine neue Behandlungsoption für Patienten, die mit der nächtliche Beatmungstherapie in Form von CPAP nicht zu Recht kommen. Das vollständig implantiertbare System registriert die Atemtätigkeit und gibt Impulse an den Zungennerv ab, um die oberen Atemwege offen zu halten. Die Patienten schalten den Stimulator vor dem Schlafengehen mittels einer Fernbedienung ein und morgens aus. Somit arbeitet das System nur in der Nacht, wenn es auch gebraucht wird. Am Tag bemerkt man nichts.

Diagnose_AbleitungSchlaflabor3Wie stellen Sie die Diagnose und was kostet die Therapie?

Ob eine „Schlafapnoe“ besteht, kann man in ein bis zwei Nächten in einem Schlaflabor messen. Über verschiedene Sensoren werden hier Atemfrequenz, Schlaftiefe, Herzschlag überprüft. Die Behandlung per Zungenschrittmacher wird von den gesetzlichen Kassen übernommen.

Selbsthilfe-Tipps:

Infrarotlichttherapie

Gewicht abbauen: Übergewicht ist ein Hauptrisikofaktor für nächtliche Schnarchkonzerte und Atemaussetzer. Die Pfunde sitzen nämlich nicht nur auf den Rippen, sondern auch im Rachen-Hals-Bereich. Wird das Gewebe hier zu dick und schlaff, kann es das Einatmen in der Nacht behindern. Jedes Kilo weniger kann die Schlafqualtät deutlich verbessern.

Schnarchspange

Alkohol reduzieren: Spätestens zwei Stunden vor dem Schlafengehen sollten Sie auf Bier, Wein und Schnaps verzichten. Denn Alkohol setzt die Atmungsaktivität herab; die Rachenmuskulatur erschlafft schneller und verstärkt die Atemaussetzer.

Schnarchschiene: In Rückenlage gleitet der Unterkiefer leicht nach hinten. Das begünstigt die Blockade durch die erschlaffte Muskulatur. Eine Schiene hält den Kiefer vorne und kann damit in der Nacht die Atemwege freihalten.

Kurztest – Leide ich unter nächtlichen Atemaussetzern?

  • Werden Sie häufig in Nacht wacht, weil Sie zur Toilette müssen (Nykturie)?
  • Liegen Sie beim Wiegen deutlich über Normalgewicht?
  • Fühlen Sie sich tagsüber häufig schlapp und unkonzentriert?
  • Fallen Ihnen bei monotonen Tätigkeiten (z. B. Autofahren) die Augen manchmal zu?
  • Hat Ihr Partner Atempausen während Ihres Schlafes festgestellt?

Auswertung: Schnarchen und nächtliche Atemaussetzer sind eine Volkskrankheit – und jede positive Antwort erhöht das Risiko, dass Sie ebenfalls darunter leiden. Wer trotz normaler Schlafzeiten oft unausgeruht und müde ist, könnte unter Apnoe leiden und sollte sich zur Sicherheit bei einem Schlafmedoziner oder HNO-Arzt vorstellen

TUMuenchen_RechtsderIsarKlinik-Kontakt: Oberarzt Privatdozent Dr. med. Clemens Heiser, Hals-Nasen-Ohrenklinik und Poliklinik, Klinikum rechts der Isar, Technische Universität München Ismaningerstraße. 22, 81675 München, Tel: 089/4140-2692, Internet:

www.schlaf-hno.de

 

Info Zungenschrittmacher & Ärzteliste: www.inspiresleep.de

Hinweis: bei der vorgestellten Patienten-Reportage handelt es sich um einen Einzelfall. Der individuelle Behandlungsbericht erhebt nicht Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Bitte beachten Sie, dass meine Artikel in keinem Fall den Besuch beim Arzt ersetzen. Dieser Blog dient allein der medizinjournalistischen Information.

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About André Berger

Geboren in Hamburg. 1986-1990 freier Reporter. 1991 Redakteur Heinrich Bauer Verlag. Seit 1992 freier Medizinreporter Meine Arzt- & Patienten-Reportagen (Text & Fotos) erscheinen regelmäßig in den großen, wöchentlichen Publikums- und Frauenzeitschriften des Burda-Verlags, der Funke-Gruppe und des Bauer Verlages