Mit diesem kleinen Implantat kann ich die Vögel wieder singen hören

Patientin_AudioprozessorMagie. „Es gibt da einen magischen Moment. Am Tag nach dem Eingriff. Da wird das Gerät ganz kurz aktiviert. Nur um zu sehen, ob die OP erfolgreich war. Und das vergisst Du dein Leben lang nicht: Es ist, als ob sich ein dünner, weißer Vorhang öffnet und dahinter eine neue Welt in kräftigen Farben erscheint – nur dass es nicht ums Sehen sondern ums Hören geht.“ Claudia Sturmlechner (42) ist schwerhörig – so wie rund sieben Millionen Deutsche.

Geduld. „Und dann ist dieser Moment vorbei. Und plötzlich weißt du nicht mehr, wie du es aushalten sollst. Die nächsten vier Wochen, bis alles abgeheilt ist und die endgültige Aktivierung erfolgt. Und plötzlich weißt du nicht mehr, wie du es ausgehalten hast. Die letzten 16 Jahre – ohne diese Welt.“ Seit zwei Jahren hört die gelernte Einzelhandelskauffrau aus Österreich mit dem neuen Mittelohrimplantat „Vibrant Soundbridge“.

Familie_SturmlechnerGebet. Bereits als Kleinkind litt die inzwischen zweifache Mutter aus dem niederösterreichischen Oberndorf regelmäßig unter Mittelohrentzündungen, war ständig mit ihren Eltern beim HNO-Arzt. „Trotz aller Antibiotika und der Entfernung der Mandeln wurde mein Gehör schlechter und schlechter. Während andere Kinder im Gottesdienst das Ave Maria beteten, sagte ich ‚arme Maria’. In der Schule saß ich bei der Lehrerin, um nichts zu verpassen. Trotzdem nervte es, dass ich ständig nachfragen musste.“

Untersuchung_TrommelfellAuslöser. Nach der Schule nahm Claudia Sturmlechner eine Lehre zur Büro- und Einzelhandelskauffrau auf. Da fing auf einmal ihr linkes Auge an zu zucken und die Gesichtshälfte brannte wie Feuer. In der HNO-Klinik der heutigen Universitätsklinik Sankt Pölten (nahe Wien) entdeckte man eine „Perlgeschwulst“ im Mittelohr als Auslöser. Die auch als Cholesteatom bekannte Erkrankung ist eine häufige Folge von chronischen-eitrigen Entzündungen.

Beschwerde_SchwerhoerigkeitRadikal. „Die gutartige Wucherung hatte sich bereits bis zum benachbarten Trigeminus-Gesichtsnerv ausgebreitet und musste möglichst komplett entfernt werden. Sonst drohte die Gefahr, das verbleibende Zellen erneut zu wuchern anfangen“, erinnert sie sich. „Nach diesem Radikal-Eingriff war ich links so gut wie taub. Ein Glück, dass ich wenigstens mit rechts noch ganz gut hören konnte.“

Selbsthilfe_Kopfhoerer2Anpassung. Claudia Sturmlechner versuchte weiter ein ganz normales Leben zu führen. Lernte 2000 ihren Mann kennen, brachte drei Jahre später erst Tochter Celine, dann – 2004 – Sohn Kevin zur Welt. „Bei aller gewünschten Normalität mussten wir im Alltag improvisieren“, gibt Karl Sturmlechner (45, Keyaccount-Manager) zu. „Besonders nachts, als die Kinder klein waren, war meistens ich es, der sie hörte, wenn sie weinten oder Hunger hatten. Im Auto saß ich generell auf Claudias rechten Seite auf dem Beifahrersitz, damit wir uns während der Fahrt unterhalten konnten. Und Fernsehen war nur möglich, wenn Claudia Kopfhörer trug.“

Zermürbend. Ein Hörgerät kam nicht in Frage, da bei der Operation der Gehörgang erweitert werden musste. Durch diese sogenannte Radikalhöhle konnten die kleinen Geräte nicht genügend Schalldruck aufbauen. „Ich versuchte mich zu arrangieren. Las von die Lippen meines Gegenübers ab. Doch aller Mühe zum Trotz: über Jahre hinweg zermürbte die Schwerhörigkeit meinen Alltag – gerade beruflich.

Diagnose_Hoertest4Antrag. Die Einzelhandelskauffrau musste immer wieder bei Kunden nachfragen, was sie suchen. Das ging auf Dauer nicht, weder für die Kunden, „noch für mich. Da auch mein rechtes Ohr schlechter wurde, stellte ich einen Antrag beim Bundessozialamt und bekam vor fünf Jahren 70 Prozent Schwerbeschädigung zugesprochen.“

Wende. Noch vor ein paar Jahren wäre es das für Claudia Sturmlechner gewesen. Doch der Medizinische Fortschritt sorgte für eine andere Wendung ihres Schicksals. Der neue Chefarzt der HNO-Klinik der Universitätsklinik St. Pölten, der sie Ende 2013 nochmals untersuchte, ist renommierter Spezialist für so genannte Hörimplantate – ein Gerätekonzept, das in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts erdacht und in den letzten zehn Jahren erhebliche Fortschritte gemacht hat.

Arztgespraech_Eingriff2Erklärung. „Früher konnten wir eigentlich nur bei vollkommener Gehörlosigkeit helfen – wenn also zudem das Innenohr defekt ist,“ erklärte ihr der aus Deutschland stammende Spezialist, Professor Georg Sprinzl (49). „Dann setzen wir ein so genanntes Cochlea-Implantat ein. Das Problem bei Ihnen: dafür hören Sie noch zu gut. Ihr Innenohr funktioniert ja noch. Und genau für die Menschen, die zu schwerhörig für ein Hörgerät sind, aber zu gesund für ein Cochlea Implantat wurde in den 90er Jahren des letzten Jahrtausend etwas Neues entwickelt – die Soundbridge.“

Arztgespraech_Modell2Abkürzung. Das neue, implantierbare Hörgerät erzeugt keine elektrischen Signale, sondern wandelt Schallwellen in mechanische Bewegung um. Diese Bewegung – die normal auch am Trommelfell entsteht, wenn Schallwellen auf die dünne Membran treffen – wird bei der Soundbridge durch Direktkontakt auf die Gehörknöchelchen übertragen. Von dort erfolgt die Signalverarbeitung wieder ganz normal übers Innenohr. Das vermeidet Verzerrungen, der Klang wird natürlicher und besser.

Image_MED-EL_Vibrant Soundbridge System 01 KopieAufgabenteilung. Das System besteht aus zwei Teilen: dem Implantat unter der Haut und dem darüber magnetisch befestigten SAMBA Audioprozessor. In diesem zweiten Teil sind das Batteriefach und die Mikrofone untergebracht, welche die Schallsignale aufnehmen und an das Implantat übertragen. Das Implantet entschlüsselt diese Signale und leitet sie an den „FMT“ ins Mittelohr weiter.

Soundbridge_FMTNatürlich. „Der FMT, das Herzstück der Soundbridge, wird durch elektrische Impulse zum Schwingen gebracht. Per Titanclip wird der FMT mit einem der drei zwischen drei und neun Millimeter winzigen Gehörknöchelchen verbunden, setzt so Hammer, Amboss oder Steigbügel in Bewegung“, so Prof. Sprinzl. „Dank des Direktantriebs arbeitet die Soundbrigde im breiten Frequenzbereich von bis zu 8000 Hertz – erhält so die natürliche Klangqualität von Sprache und Tönen.“

Eingriff_Soundbridge-System2Routine. Da der Gehörgang nicht verschlossen wird, gibt es keine Entzündungen. Das System funktioniert auch beim Sport. Zudem ist es komplett reversibel. Das ist Professor Georg Sprinzl besonders wichtig, „dass keine Strukturen im Ohr zerstört werden. Ist es nicht in Betrieb, hört man wieder wie vorher“, betont er. „Die Implantation ist für erfahrene HNO-Chirurgen inzwischen eine Standardoperation. Weit über 200 Systeme habe ich implantiert.“

Eingriff_Narkosemonitor2Einwilligung. Claudia Sturmlechner willigte noch am selben Tag in den Eingriff ein. Im Februar 2014 ist die OP. „Nach einem Vorgespräch mit dem Anästhesisten konnte es losgehen. Eineinhalb Stunden später wachte ich aus der Vollnarkose auf – ohne Schmerzen. Nur das Ohr war bandagiert. Und hören konnte ich natürlich auch noch nicht.“

Soundbridge_AktivierungAnpassung. Das änderte sich einen Tag später. Als der Verband abkam, dafür oberhalb der feinen, vier Zentimeter langen Narbe, zum ersten Mal testweise der Audioprozessor angesetzt und eingeschaltet wurde. „Einen Monat später, als das Gerät dauerhaft aktiviert wurde, lernte ich, das selbst zu machen.“

Umstellung. Als Claudia Sturmlechner danach nach Hause kam, war die Überraschung groß. „Ich musste meinen Mann und die Kinder bitten, am Mittagstisch ein bisschen leiser zu sprechen“, lacht sie. „Wegen meiner Schwerhörigkeit waren alle noch gewöhnt, sehr laut und sehr deutlich zu reden.“

Farbauswahl_AudioprozessorHandling. Den Audioprozessor, dessen Farbe sie passend zu ihrem dunklen, langen Haar aussuchte, trägt sie seitdem den ganzen Tag. Nur wenn sie zu Bett oder in die Dusche geht, legt sie ihn ab. Das Implantat hat keine eigene Stromversorgung, wird vom Audioprozessor durch die Haut mit Energie versorgt. An dem externen Gerät werden alle fünf bis sieben Tage die Batterien gewechselt.

Erfolg_Vogelzwitschern4Bilanz. „Anfangs musste ich mich an die vielen Eindrücke und Geräusche gewöhnen“, ist ihrer Erfahrung. „Inzwischen ist es ein unbeschreiblich tolles Gefühl, wieder richtig zu hören. Egal ob mein Mann mit unseren Kindern Hausmusik macht. Oder ob die Vögeln in unserem Garten singen.“

 

Experte_ModellDrei Fragen an Prof. Dr. Georg Sprinzl (49), HNO-Chefarzt des Universitätsklinikums Sankt Pölten

Was ist das Neue an dem Soundbridge-Hörimplantat?

Die SOUNDBRIDGE eröffnet neue Wege des Hörens für Menschen, bei denen ein normales Hörgerät aus medizinischen Gründen nicht eingesetzt werden kann oder zu keiner Verbesserung des Hörvermögens beiträgt. Dies ist häufig der Fall bei einem bleibenden Hörverlust nach Mittelohroperationen oder wenn Hörgeräte aufgrund dauerhafter oder wiederkehrender Gehörgangsentzündungen nicht getragen werden können. Die SOUNDBRIDGE kann sowohl bei leichter bis hochgradiger Innenohrschwerhörigkeit, als auch bei Schallleitungs– oder kombiniertem Hörverlust angewendet werden.

Soundbridge_ModellWie funktioniert das System?

Zuerst wird Schall vom Mikrofon des Audioprozessors aufgenommen. Der Audioprozessor wird durch einen Magneten über dem Implantat gehalten und wandelt den Schall in elektrische Signale um. Diese Signale werden dann durch die Haut an das Implantat übertragen. Das Implantat leitet die Signale weiter an den FMT (Floating Mass Transducer).

Das Herzstück des Systems wandelt das Signal im Mittelohr in mechanische Schwingungen um und versetzt so die Gehörknöchelchenkette direkt in Bewegung. Diese Schwingungen werden ans Innenohr weitergeleitet und als akustische Signale wahrgenommen.

Eingriff_OP-MikroskopWas kostet der Eingriff?

Zahlreiche Krankenhäuser in Deutschland und Österreich haben mit den Krankenkassen spezielle Verträge geschlossen, in denen die kostenlose Versorgung mit dem Hörimplantat vereinbart worden ist. Die Entscheidung trifft der behandelnde Arzt in Rücksprache mit der Krankenkasse.

 

Modell_HoersturzWunderwerk Gehör

Das sprichwörtliche Gras können wir zwar nicht wachsen hören – dennoch ist unser Gehörsinn eine hochspezialisierte Antenne zur Außenwelt. Stimmen, Geräusche, Musik – alle akustischen Reize werden in der Hörschnecke in elektrische Impulse umgewandelt, die anschließend vom Gehirn „interpretiert“ werden.

Dabei ist das Ohr unser sensibelstes, genauestes und auch leistungsfähigstes Sinnesorgan. Während das Auge zum Beispiel gerade mal von 384 (violett) bis 789 THz (rot) „frequenzverdoppelnd“ sieht, überspannt unser Ohr den tausendfachen Bereich ein Frequenzband der wahrnehmbaren Schallwellen von 20 bis 20000 Hertz.

Diagnose_Hoertest2Auch bei der „Tastempfindlichkeit“ liegt das Ohr uneinholbar vorn. Vergleicht man den hörbaren Schalldruck von 0 bis 140 Dezibel mit der maximalen Belastbarkeit einer Waage, so müsste diese von einem Milligramm bis 1000 Tonnen genau anzeigen.

Gekrönt wird das Ganze mit einer absolut genialen 3-D-Hörfunktion, die uns leider oft erst bewusst wird, wenn wir auf sie verzichten müssen. De Facto nimmt das Hörzentrum im Gehirn alles über 10 Millisekunden Delay (Laufzeitunterschied zwischen dem rechten und dem linken Ohr) als Versatz wahr und errechnet daraus eine dreidimensionale Hörwelt. Im Dschungel der Großstadt können wir sehr genau hören, nicht nur ob ein Auto auf uns zu kommt oder sich von uns wegbewegt, sondern ob es dabei schnell oder langsam dabei ist.

Hoergeraeteakustiker_Hoertest8Hintergrund „Schwerhörigkeit“

Fast 20 Millionen Deutsche haben eine Hörminderung. Und das hat nichts mit dem Alter zu tun. Bereits jeder zehnte Jugendliche ab 14 weist einen Hörschäden auf. Und jährlich erkranken 15000 Bürger an akuter Schwerhörigkeit.

Lärm bedroht am stärksten den empfindlichen Hörsinn. Gefahrenquellen sind Straßenverkehr oder Baustellen, Konzerte, MP3-Player, aber auch unauffällige Dauerlärmquellen wie Haushaltsgeräte, Rasenmäher oder Computer. Am Ende zählt gerade die Summe der Geräusche: Hörzellen verkraften 40 Stunden lang Lautstärken bis zu 85 Dezibel, doch schon bei 100 reicht eine Stunde, um sie zu zerstören.

GEingriff_FMTönnen Sie dem Ohr angemessene Ruhepausen, wenn‘s besonders laut war. Schalten Sie störende Hintergrund-geräusche ab und vermeiden Sie laute Knallgeräusche. Leider nehmen viele Menschen Hörschäden hin, ohne aktiv zu werden. Oft dauert es zehn Jahre oder länger, bis ein Hörgeschädigter den Experten aufsucht. Das Problem: Wer schlecht hört, dreht die Lautstärke hoch und schädigt das Ohr noch mehr. Lassen Sie Ihr Gehör regelmäßig alle zwei Jahre vom Fachmann kontrollieren, dann entgehen Sie diesem Teufelskreis.

 

Universitaetsklinikum_SanktPoelten2Mehr Infos

Klinik: Universtitätsklinikum Sankt Pölten, Hals- Nasen- Ohren-Abteilung, Propst-Führer Straße 4, 3100 Sankt Pölten, Österreich, Tel: 0043/2472/9004-12907, Internet: www.stpoelten.lknoe.at

Therapie und Klinik-Info: MED-EL Deutschland GmbH, Moosstraße 7, 82319 Starnberg, gebührenfreie Hotline: 0800 0077030, Internet: www.medel.de

Initiative gegen Hörverlust, Internet: www.beat-the-silence.org

Hinweis: bei der vorgestellten Patienten-Reportage handelt es sich um einen Einzelfall. Der individuelle Behandlungsbericht erhebt nicht Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Bitte beachten Sie, dass meine Artikel in keinem Fall den Besuch beim Arzt ersetzen. Dieser Blog dient allein der medizinjournalistischen Information.

One thought on “Mit diesem kleinen Implantat kann ich die Vögel wieder singen hören

  1. Ich habe auch viel zu lange gezögert, bis ich den Rat meines Enkels angenommen habe. Seitdem habe ich eines dieser Siemens Hörgeräte und bekomme viel mehr vom Leben mit. Ich bereue nur, das ich nicht früher auf diesen Gedanken gekommen bin

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About André Berger

Geboren in Hamburg. 1986-1990 freier Reporter. 1991 Redakteur Heinrich Bauer Verlag. Seit 1992 freier Medizinreporter Meine Arzt- & Patienten-Reportagen (Text & Fotos) erscheinen regelmäßig in den großen, wöchentlichen Publikums- und Frauenzeitschriften des Burda-Verlags, der Funke-Gruppe und des Bauer Verlages