Die Heilkraft der Schärfe löschte den Schwelbrand in meiner Blase

Selbsthilfe_KalteBankUnerwartet. „Ich wurde vom Gefühl geweckt, als ob ein Feuer in meinem Unterleib brennen würde“, erinnert sich Natalie Weiden (30, Name geändert) an die erste Heimsuchung vor zwölf Jahren. „Die Schmerzen strahlten über die Flanke Richtung Nieren aus. Dazu der ultimative Drang, zur Toilette zu müssen. Beim Wasserlassen wurde es allerdings noch schlimmer. Es kratzte, biss und stach – brachte kaum Linderung. Fünf Minuten später musste ich wieder.“

Selbsthilfe_Waermflasche4Hilflos. Aufgrund der Stärke der Be­schwerden machte die damalige Schülerin und heutige Verwaltungsangestellte aus Bonn am selben Tag einen Termin beim Hausarzt. „In der Zwischenzeit schluckte ich Schmerzmittel – ohne Wirkung“, erzählt sie. Aufgrund der geschilderten Symptome tippte der Mediziner auf eine klassische Blasenent­zündung. „Das ist bei Frauen fast normal“, munterte er seine junge Patientin auf. „Keine Sorge: Ich ver­schreibe ihnen Antibio­tika. In ein, zwei Tagen sind sie wieder auf den Beinen.“

Beschwerde_Unterleibsschmerzen2Rückfall. „Zunächst behielt der Arzt sogar Recht“, so Natalie. „Doch nur ein viertel Jahr später kehrte das Brennen zurück. Diesmal nach Besuch des Schwimmbads. Wieder ging ich zum Doc, wieder bekam ich Antibiotika, wieder ließen die Beschwerden nach. Und wieder gab es nach Wochen oder Monaten einen Rückfall. Richtig gesund wurde ich nie mehr!“

Tragisch. Bereits die kleinste Unachtsamkeit konnte in den nächsten elf Jahren dazu führen dass der Hammer „Blasen-Infekt“ zuschlug. „Mal hatte ich mir auf einer Bank den Po verkühlt, dann vermutete ich kalte Autositze                                                                                                                                     als Auslöser“, schildert sie den Krankheitsverlauf. „Manches Mal hatte ich das Gefühl, als ob man mir die Eingeweide herausreißen würde. Dane­ben wurde ich von einem kaum zu unterdrückenden Drang gequält, fast alle 20 Minuten auf Toilette zu müssen und doch nicht zu können!“

Selbsthilfe_Blasentee2Vorbelastung. Beklagen wollte sich Natalie Weiden nicht, ihre Mutter hatte das schließlich auch. So dachte sie, dass das ständige Brennen beim Wasserlassen, das Ziehen im Unterleib und der lästige Harndrang so etwas wie ein familiäres Schicksal wäre. Mit Hausmitteln versuchte sie so gut es ging vorzubeugen.

Grenzen. „Aber egal wie viel Baumwoll-Unterwäsche ich trug und Tee ich trank – der nächste Rückfall kam bestimmt. 2016 hatte ich keine Lust mehr auf Antibiotika. Ich fühlte mich nur noch schlapp und müde. Ich ging ins Internet, stieß dort auf eine Studie, die an der Uniklinik Bonn gerade zu pflanzlichen Antibiotika gemacht worden war – meldete mich bei der verantwortlichen Ärztin an.“

Arztgespraech_StudieLeichtfertig. „In den letzten 30 Jahren sind leider viel zu viel Antibiotika unreflektiert verschrieben worden,“ erklärte ihr Professorin Ruth Kirschner-Hermanns, Leiterin des Kontinenz- und Beckenbodenzentrums am Universitätsklinikum Bonn und am neurologischen Rehabilitationszentrum der Godeshöhe „Die Folge ist, dass es immer mehr Bakterien gibt, bei denen die einstigen Wunderwaffen nicht mehr wirken. Zusätzlich zu den Resistenzen schwächen Antibiotika die Darm- und Scheidenflora. So können sich schädliche Keime leichter ausbreiten. Das begünstigt eine erneute Blasenentzündung – ein Teufelskreis!“

Expertin_Meerettich2Alternative. Dabei müssten chemisch-synthetische Antibiotika nicht generell bei Harnwegsinfekten eingesetzt werden. Prof. Kirschner-Hermanns: „In Zeiten vor Antibiotika hatte die Urologie bereits viele positive Erfahrungen mit pflanzlichen Inhaltsstoffen gesammelt. Dazu gehören insbesondere Senföle, z.B. aus Meerrettich und Kapuzinerkresse“.

Verträglich. „Die Kombi der beiden Schärfestoffe, mit denen sich die Pflanzen gegen Fressfeinde schützen, ist antibakteriell, antiviral und sogar antientzündlich wirksam. Da bei Blasenentzündungen die Beschwerden primär durch die Entzündungsreaktion verursacht werden, ist es wichtig, dass die Senföle nicht nur die Verursacher der Erkrankung – also die Bakterien – bekämpfen, sondern auch gegen die Entzündung wirken. Dabei sind sie hervorragend verträglich. Resistenzen gegen die Pflanzenstoffe auf Seiten der Bakterien sind unbekannt.“

Diagnostik_UltraschallWissenschaft. Tatsächlich werden die in den letzten 30 Jahren in Vergessenheit geratenen pflanzlichen Arzneistoffe immer beliebter. Ein weiterer Grund für Frau Professorin Kirschner-Hermanns , die erstaunliche Wirksamkeit per Beobachtungsstudie bei querschnittgelähmten Patienten, die ihre Blase nur mit Hilfe des Katheters entleeren können zu überprüfen,

Expertin_KlinikHintergrund. Da bei den Betroffenen die Blasenfunktion gestört ist leben viele Patienten im Rollstuhl und entleeren die Blase mehrmals am Tag mit einem Katheter oder haben einen Dauerkatheter meistens als Bauchdeckenkatheter Da der Schlauch eine Eintrittspforte für Keime darstellt, sind in Folge querschnittgelähmte Patienten besonders häufig von Harnwegsinfekten betroffen. In der Studie mit den pflanzlichen „Antibiotika“ konnte die Urologin eine Reduzierung der wiederholten Infekte nachweisen.

Beratung_Trinkprotokol2Pflanzlich. Auch Natalie Weiden rät die Expertin täglich mindestens zweieinhalb Liter Tee oder Wasser zu trinken und im Akutfall bis zu vier mal fünf Tabletten des speziellen Meerrettich-Kapuzinerkresse-Gemisches einzunehmen. „Die enthaltenen Senföle deaktivieren wirksam und gleichzeitig sanft die Keime – ohne das Immunsystem in Mitleidenschaft zu ziehen.“

Therapie_MeerettichWirkung. Der Erfolg war erstaunlich. „Die nächsten vier Monate hatte ich endlich Ruhe. Und auch als dann die Entzündung zurückkehrte, bekam ich sie pflanzlich mit Angocin schnell in den Griff, strahlt Natalie begeistert. „Den gesamten Winter habe ich beschwerdefrei überstanden – und freue mich jetzt den Frühling unbeschwert genießen zu können.“

Hintergrund Harnwegsinfekte:

Selbsthilfe_Waermflasche7Rund zwei Millionen Frauen erkranken pro Jahr in Deutschland am Harnwegsinfekt. Mit Antibiotika bekommt der Arzt die Beschwerden schnell in Griff, doch vielen Frauen kann er damit nur vorübergehend helfen: Sie erleiden einen Rückfall – manchmal bis zu achtmal im Jahr. Ursache ist meist eine Entzündung, die von verschiedenen Bakterien, oft von E.coli-Bakterien hervorgerufen wurde.

Bislang ist man immer davon ausgegangen, dass die Keime akut über die Harnröhre in die Blase vorgedrungen sein müssen, da die Harnwege normalerweise steril sind. Inzwischen mehren sich allerdings Hinweise, dass gerade bei älteren Patientinnen – ähnlich wie auf der Haut – die Schleimhaut der Blase über ein Mikrobiom bzw. Mikrofilme verfügt. In dieser Schicht halten gute Keime die bösen Erreger in Schach. Die Gabe von Antibiotika hebelt dieses Gleichgewicht aus und verschiebt den Schwerpunkt Richtung aggressiver Keime. Folge: Der nächste Hanrwegsinfekt kommt bestimmt.

Vier Fragen an Prof. Dr. Ruth Kirschner-Hermanns (57), Leiterin des Kontinenz- und Beckenbodenzentrums der Uniklinik Bonn und am Reha-Zentrum Godeshöhe

Expertin_ProfKirschner-Hermanns2Warum werden gerade Frauen von Blasenentzündungen so oft heimgesucht? Frauen erkranken aufgrund ihrer kürzeren Harnröhre leider besonders oft. Unterkühlungen – z. B. im Sommer ein nasse Badehosen oder ein kurzer Rock – schwächen ihren Barriereschild, das den Intimbereich vor Bakterien schützt. Vor allem Erreger vom Darm können dann rasch aufsteigen

Warum ist der Einsatz von Antibiotika nicht unproblematisch? Zwar bekommen Antibiotika die Keime – in zwei von drei Fällen E.coli-Bakterien – schnell in den Griff. Doch die chemisch-synthetischen Präparate haben oft erhebliche Nebenwirkungen auf den sensiblen Magen-Darm-Trakt und die schützende Vaginalflora. Gute Keime werden weniger, aggressive breiten sich aus. Auch das begünstigt den nächsten Infekt. So kehrt die „Cystitis“ bei jeder vierten bis fünften Frau zurück.

Expertin_UltraschallWas kann ich bei einer Blasenentzündung selber tun? Sofern kein Fieber vorliegt und die Nieren nicht bereits angegriffen sind, rate ich meinen Patienten, den Infekt ruhig erst einmal mit den pflanzlichen Präparaten und viel Trinken selbst zu behandeln. Vorteil hierbei ist, dass die Therapie oft viele Stunden früher beginnen kann, als wenn sie darauf warten müssen, bis ein Arzt ein Rezept ausstellt. Zudem wird die Phytotherapie deutlich besser vertragen und Resistenzen werden vermieden.

Wann sollte ich zum Urologen? Wer zwei Mal in sechs Monaten bzw. drei Mal pro Jahr unterm lästigen Brennen und Schmerzen beim Wasser lassen leidet, sollte zum Spezialisten. Hier könnte eine organische Schwäche Auslöser sein. Medikamente allein helfen dann nicht weiter. Es müssen organische Ursachen wie Fehlbildungen, Blasensteine oder Blasenfunktionsstörunen als Ursache für die Infekte ausgeschlossen werden. Und selbstverständlich gehört zur jeder Abklärung eines wiederholten Harnwegsinfekt auch die Untersuchung des Darms und der Vaginalschleimhaut.

Info Antibiotika-Resistenz

AntibiotikumJeder vierte Patient bekommt mindestens einmal pro Jahr Antibiotika verordnet – 2009 waren das mehr als 18 Millionen Deutsche. Doch mit jeder Einnahme steigt leider die Gefahr der Entwicklungr resistenter Keime in unserem Körper. Die einstige Wunderwaffe gegen Bakterien verliert zunehmend ihre Wirkung.

Hintergrund. Ursache ist unter anderem die Bildung unerwünschter „bakterieller Biofilme.“ Mit diesem Schutzschild wehren sich Bakterien, gegen antimikrobielle Substanzen. Chemisch-synthetische Antibiotika werden bei Infektionen unwirksam, die durch solche Biofilm-bildende Bakterien ausgelöst werden.

Blase_Roentgen KopieAlternative. Kanadische Wissenschaftlern haben aktuell die bekannte Beobachtung belegt, dass sekundäre Pflanzenstoffe wie Senföle gegen solche bakteriellen Abwehrstrategien „gewappnet“ sind. Die Schwefelverbindungen aus Kapzinerkresse und Meerrettich unterbinden die Bildung der Biofilme und umgehen die Resistenzmechanismen der Erreger. Das erklärt, warum selbst bei Langzeitgabe Bakterienresistenzen gegen die Senföle unbekannt sind.

Pflanzlich. Traditionell haben sich Kapuzinerkresse und Meerrettich bei Infekten der Harnwege, der Atemwege und der Nasennebenhöhlen außerordentlich gut bewährt. Durch die Kombination der Arzneipflanzen ergibt sich ein großes Spektrum therapeutisch relevanter Inhaltsstoffe, die sich gegenseitig verstärken.

Heilmittel_Meerettich4Wirkung. Im Gegensatz zu chemisch-synthetischen Antibiotika wirken die Pflanzenstoffe dreifach: nicht nur gegen Bakterien, sondern auch gegen Viren. Zusätzlich wird die Entzündung gehemmt. Dabei ist die Therapie von Erkältungskrankheiten und Blasenentzündungen mit Senfölen besonders verträglich. Die „Scharfstoffe“ töten nämlich nicht die für die Verdauung und Immunabwehr nützlichen Darmbakterien ab.

Dosis. Bei akuten Beschwerden gibt es standardisierte Präparate in der Apotheke. Je nach Schweregrad des Infektes nehmen Sie drei bis fünf Mal täglich vier bis fünf Filmtabletten unzerkaut mit etwas Flüssigkeit nach den Mahlzeiten ein. Zur Vorbeugung eines Rückfalls empfehlen Experten zweimal täglich zwei Filmtabletten – am besten nach dem Essen.

Infos: www.pflanzliche-antibiotika.de

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About André Berger

Geboren in Hamburg. 1986-1990 freier Reporter. 1991 Redakteur Heinrich Bauer Verlag. Seit 1992 freier Medizinreporter Meine Arzt- & Patienten-Reportagen (Text & Fotos) erscheinen regelmäßig in den großen, wöchentlichen Publikums- und Frauenzeitschriften des Burda-Verlags, der Funke-Gruppe und des Bauer Verlages