Nach sanfter Elektro-Stimulation bin ich seit einem Jahr problemlos abstinent

Patientin_WasserZupackend. „Für mich war Wein so etwas wie die Kombizange im Werkzeugkoffer des Lebens: er konnte alles in Ordnung bringen. War ich gut drauf, sorgte ein Glas prickelnder Prosecco dafür, dass es noch ein bisschen besser wurde. War ich gestresst, holte mich ein Glas kühler Weißwein umgehend runter. Ging es mir nicht gut, tröstete ich mich mit einem Stückchen bitterer Schokolade plus einem Glas samtigen Merlots. Konnte ich nachts nicht schlafen, ließ ein kräftiger Wein aus Südafrika meine Augen schwer werden. Mein Motto lautete: Gott, gib’ mir Kaffee, um Dinge zu bewegen, die ich verändern kann – und Wein, um Dinge zu akzeptieren, die unabänderlich sind…“

Patientin_CharlotteReiser4Cool. Noch vor zwei Jahren fand die Münchnerin Charlotte Reiser (32, Name geändert) das Zitat, das sie in irgendeiner Frauenzeitung gelesen hatte, ziemlich cool. Dabei reagierte die direkte Umgebung bereits mehr und mehr reserviert, wenn die erfolgreiche Event- und PR-Managerin ihren Trinkspruch beim Anstoßen zum Besten gab – egal, ob bei der Afterwork-Happyhour mit Kolleginnen, zum „Bachelor“-Fernsehabend mit Freundinnen oder auf einer Party am Wochenende mit ihrem Freund.

Therapie_Einzelgespraech6Allein. „Sein ständiges Trink-doch-nicht-so-viel wurde mir lästig. Ich wollte feiern, Spaß haben, mich gut fühlen – und mir nicht jedes Glas vorhalten lassen. Andererseits häuften sich in den letzten vier, fünf Jahren meine alkoholbedingten Ausfälle, wusste ich am anderen Tag oft nicht mehr, wie wir nach Hause gekommen waren. Von der Migräne und der Müdigkeit beim Wachwerden ganz zu schweigen. Ich schob es auf den Stress im Job. Hielt mich irgendwann in der Öffentlichkeit mit dem Trinken zurück, machte mir lieber allein zu Hause eine Flasche auf. Oder auch zwei…“

Unvergleichlich. Alkohol war längst zum täglichen Begleiter geworden. Als suchtkrank empfand sich die schlanke, blonde Frau dennoch nicht. „Alkoholiker sind doch Menschen, die ungewaschen und ungepflegt am Bahnhof abhängen und in den Mülleimern nach Leergut stöbern, beruhigte ich mich. Ich hatte einen guten Job, war erfolgreich, stand quasi 24 Stunden meine Frau. Damit wollte ich nicht verglichen werden!“

Therapie_Einzelgespraech4Drohung. Das Umdenken begann, als Charlotte wegen ihrer viel zu vielen „Migräne“-Krankmeldungen Anfang 2016 zum Chef gerufen wurde und dieser sie direkt auf ihr Trink-Problem ansprach: „Entweder Sie bekommen das innerhalb der nächsten drei Monate in Griff oder wir werden uns leider von Ihnen trennen müssen“, drohte er.

Wasser. Vor Scham wäre Charlotte Reiser am liebsten in den Erdboden versunken. Andererseits fühlte sie sich bei der Ehre gepackt. „Nach dem Motto ,Dem zeige ich es’ trank ich den restlichen Tag demonstrativ nur Wasser. Genauso wie am nächsten und übernächsten. ,Siehst du – alles halb so schlimm’, beruhigte ich mich – um am vierten Tag um so tiefer abzustürzen.“

Expertin_PatientinAbbruch. Im März 2016 der nächste Tiefschlag: Freund Sebastian reicht’s. Nach der x-ten schweren Nacht droht er mit Beziehungsabbruch. „Er wolle und könne nicht tatenlos zusehen, wie ich mich zugrunde trinke“. Im Verlauf der dramatischen Aussprache gesteht Charlotte sich erstmals ein, dass ihr das Problem über den Kopf gewachsen ist – und dass sie Hilfe von außen braucht.

Urlaub. „Noch während des Gesprächs recherchierte Sebastian im Netz, stieß auf die Seite der Nescure-Klinik in Bad Bayersoien. Als er mir was von der Neuro-Elektrischen Stimulation vorlas, klingelte es bei mir: da will ich hin, das will ich ausprobieren. Explizit auch, weil der Aufenthalt nur drei Wochen dauert – ich hatte exakt 15 Tage Sommer-Urlaub in der Firma angemeldet. Musste ja niemanden sagen, dass es diesmal nicht nach Ibiza sondern in die Ammergauer Alpen ging.“

Diagnostik_Abhoeren2Incognito. Mit erheblich gemischten Gefühlen checkt Charlotte im Juni 2016 in der südlich von München gelegenen Nescure Privatklinik ein – und ist erstmal erleichtert, wer sonst noch mit ihr zeitgleich anreist. „Unsere elfköpfige geschlossene Gruppe bestand aus einem Lehrer, einer Krankenschwester, einem Arzt, einem Versicherungsmakler, einer Kellnerin, einer Finanzmaklerin, einem Handwerkermeister und mir – alles ganz normale Leute. Keiner dabei, dem man sein Alkohol-Problem angesehen hätte.“

Arztgespraech_NES-GeraetStrom. Die medizinische Betreuung beginnt noch am Aufnahmetag. „Wir setzen auf den so genannten qualifizierten Entzug, erleichtern das Absetzen des Alkohols gezielt per Neuro-Elektrischer Stimulation – kurz NES,“ erklärt Chefärztin Dr. Reingard Herbst (58) ihrer neuen Patientin. „Zwei Elektroden werden links und rechts hinter das Ohr geklebt, die von dem batteriebetriebenen Impulsgerät angesteuert werden – rund um die Uhr in den ersten vier bis fünf Tagen.“

Erfolg_Abstinenz3Studien. Der Effekt: Das limbische System im Gehirn, das durch den langen Alkoholkonsum lahmgelegt wurde, erwacht unter der NES-Behandlung zu neuem Leben. Im Gehirn werden nachweisbar mehr körpereigene Botenstoffe wie Serotonin und Dopamin ausgeschüttet. „Messungen der Abbauprodukte im Harn konnten das im Rahmen von Studien belegen“, so Doktorin Herbst, die in der Entgiftungsphase rund um die Uhr zur Verfügung steht.

Erfolg. Der Vorteil von NES: Entzugssymptome wie Zittern, Schüttelfrost, Krämpfe oder Delir werden gedämpft, die Stimmung bessert sich. Und die Erfolgsquote steigt: etwa zwei von drei Patienten besiegen in der Nescure-Klinik ihre Alkoholkrankheit.

Diagnostik_Blutdruckcheck4Entgiftung. Bei Charlotte kontrolliert die Ärztin Reflexe, Blutbild und regelmäßig Blutdruck, gibt zusätzlich Vitamin-B-Injektionen, um den Entgiftungsprozess zu beschleunigen. „Gespürt habe ich nichts. Als ich am dritten Tag nervös fragte, wann der Entzug einsetzen würde, meinte die Ärztin nur, dass ich die Anpassung bereits hinter mir habe. Stärkere Entzugssymptome sind auch in den folgenden Tagen nicht zu erwarten.“

Therapie_GruppengespraechOffen. Parallel zur NES-Therapie („eigentlich legte ich das Gerät nur zum Duschen ab“) besuchte die junge Frau ihr erstes Gruppengespräch. „Ich dachte, ich könnte nie frei vor anderen Menschen über mein Leben reden. Doch da wir alle gleichzeitig angekommen waren, entwickelte sich bald eine sehr offene Atmosphäre. Als ich hörte, dass die anderen ganz ähnliche Erfahrungen gemacht hatten, fiel es auch mir überraschend leicht, mich zu öffnen.“

Therapie_Klangschalen5Rhythmus. Der nächste Tag beginnt vor dem Frühstück mit Morgensport. Nach der ersten gemeinsamen Mahlzeit geht es zur Gruppentherapie. Nach dem Mittagessen dann weiter in der Einzeltherapie. Nach dem Abendessen lernt Charlotte per Entspannung einen ereignisreichen Tag ausklingen zu lassen.

Geborgenheit. „Nach fünf Tagen fühlte ich mich stark genug, auch auf das NES-Gerät zu verzichten – es klappte. Die ausbalancierte Mischung zwischen An- und Entspannung – z.B. per Klangschalentherapie und die vielen Gespräche – insbesondere untereinander – gaben mir die notwendige Geborgenheit.“

Patientin_KuecheWechsel. Geht es in der ersten Woche vor allem um Entgiftung und Vergangenheit, stehen in der zweiten Woche Motivation und Veränderung im Vordergrund. „Ich begriff, dass Verzicht auf Alkohol Gewinn und kein Verlust ist. Ein Gewinn sowohl im Beruf, als auch im Privatleben – und natürlich auch gesundheitlich. In der Küche der Nescure-Klinik zeigt man mir, wie ich nach der Arbeit schnell, lecker und gesund kochen kann. Und dass zum Essen noch mehr Getränke schmecken als Wein.“

Training. Um die Zukunft geht es in der dritten Woche. Vor allem der Umgang mit der Alkohol-Abstinenz in der Öffentlichkeit. „Ich trainierte meine Reaktion auf das permanente Angebot – ohne gleich als Spaßbremse zu gelten. Heute erzähle ich jedem, dass ich eine Alkohol-Unverträglichkeit habe – und schon ist das Thema vom Tisch. Um uns nach dem Klinikaufenthalt weiter zu unterstützen, gründeten wir Patienten anlässlich des gemeinsamen Abschieds noch eine Chatgruppe per Smartphone.“

Selbsthilfe_WalkingTermingerecht. Ihr Chef staunt nicht schlecht, als seine Mitarbeiterin erholt und gutgelaunt, wie lange nicht, aus dem Sommerurlaub zurückkehrt – umso mehr als er hört, dass Charlotte die Drei-Monats-Frist tatsächlich eingehalten hat. „Ich fühlte mich, als hätte ich neuen Wind in den Segeln. Ich konnte meinem Leben einen Schwung geben, der zuvor nicht mal im Ansatz da war“, strahlt sie heute.

Netz. Natürlich gibt es auch mal Tiefs – aber da baut sie ihre Nescure-Gruppe wieder auf. „Zur Feier des Einjährigen haben sich neun unserer Elfer-Gruppe noch einmal in Bad Bayersoien getroffen und alle sind abstinent geblieben.“

 

Expertin_DrReingardHerbst3Fünf Fragen an Dr. Reingard Herbst (58) Suchtmedizinerin, Fachärztin für Naturheilverfahren und Chefärztin der Nescure-Privatklinik

 Wie hat man die Neuro-Elektrische Stimulation entdeckt? Ihre Wurzel hat die Neuro-Elektrische Stimulation (NES) in der seit Jahrtausenden bekannten Akupunktur. Mitte der 1970er Jahre entwickelte die schottische Neurochirurgin Meg Pattersen die Methode – anstatt mit Nadeln mit Elektroden hinter dem Ohr zu „akupunktieren“. Mit den richtigen Frequenzen war sie in der Lage, die Produktion von Hirnbotenstoffe wie Serotinin, Dopamin und Endorphin auszulösen. In etlichen Studien hat sie die Wirksamkeit der Methode bewiesen. Durch berühmte Patienten wie Eric Clapton, Pete Townshend oder Keith Richards wurde die Therapie dann weltweit bekannt.

Expertin_NES-GeraetWeshalb funktioniert NES? Mit Hilfe eines Stimulationsgeräts wird das limbische System im Gehirn angeregt. Es werden vermehrt Endorphine, Serotinin und Dopamin ausgeschüttet. Diese Glücksbotenstoffe sind wichtig für das Wohlbefinden. Körperliche Entzugssymptome werden spürbar gelindert. Noch entscheidender ist der Einfluss auf die Psyche. Der Konsumzwang wird reduziert. Depressionen oder Apathie treten seltener bzw. milder auf.

Ist NES gefährlich? Richtig angewandt ist die Elektrostimulation völlig ungefährlich. Die NES-Geräte sind als Medizingeräte zugelassen. In den USA hat die FDA (Food and Drug Administration) die Therapie mit Elektrostimualtion zur Behandlung von Angststörungen bei Suchterkrankungen genehmigt.

Therapie_NES-GeraetWelche Krankheiten werden behandelt? Die Nescure Privatklinik ist spezialisiert auf die Behandlung von Alkohol- oder Tablettenabhängigkeit und auf Patienten mit Erschöpfungskrisen (Burnout).

Was kostet die Therapie und wer zahlt? Die Gesamtkosten der drei Wochen liegen bei rund 12000 Euro. Belegarztverträge mit gesetzlichen Krankenversicherungen bestehen nicht. Somit kann das Krankenhaus nur von Privatpatienten oder Selbstzahlern in Anspruch genommen werden. Je nach Tarif werden die Kosten teilweise oder komplett von den Privatkassen übernommen.

Therapie_Einzelgespraech3Hintergrund Alkoholkrankheit

Ein Gläschen hier, ein Gläschen da – die ersten Anzeichen einer beginnenden Alkoholkrankheit zu erkennen, ist nicht leicht. Eine Abhängigkeit kann bereits durch regelmäßigen Konsum kleinerer Mengen beginnen. Ist der Betroffene weiterhin leistungsfähig, spricht man vom funktionierenden Alkoholiker.

Das Tückische ist, dass der Verlauf der Krankheit oft relativ unauffällig und langsam ist – meist über mehrere Jahre hinweg. Den Betroffenen selbst wird die Schwere ihrer Krankheit dadurch vielfach nicht bewusst. Die zahlreichen körperlichen und emotionalen Symptome werden meist anderen Ursachen zugeschoben.

Therapie_Einzelgespraech2Etwa ein Drittel der circa zwei Millionen Alkohokranken in Deutschland ist weiblich. Experten vermuten eine hohe Dunkelziffer, denn Frauen trinken im Gegensatz zu Männern eher heimlich und allein in den eigenen vier Wänden. Sie können ihre Sucht lange verstecken, weil sie trotzdem Job, Familie und Haushalt gut managen.

Dabei macht Alkohol nach einer großangelegten Studie Frauen im Schnitt vier bis fünf Jahre schneller süchtig. Schuld daran ist nicht wie bislang gedacht der unterschiedliche Stoffwechsel, sondern der höhere Fettanteil des weiblichen Körpers. Da sich Alkohol nicht im Fettgewebe löst, haben Frauen bei gleicher Trinkmenge und Trinkgeschwindigkeit ein geringeres Verteilungsvolumen und eine höhere Alkoholkonzentration.

Kurzcheck Wie gefährdet bin ich, alkoholkrank zu werden?

  1. Verlieren Sie häufiger als einmal pro Monat die Kontrolle über Ihren Trinkkonsum?
  2. Haben Sie mehrfach pro Jahr einen so genannten Filmriss?
  3. Haben Sie wegen Ihres Alkoholkonsums ein schlechtes Gewissen?
  4. Haben Sie im betrunkenen Zustand sich selbst bzw. eine andere Person verletzt?
  5. Wurden Sie von anderen Menschen bereits auf Ihr Trinkverhalten angesprochen?

Auswertung: Jede positive Antwort ist ein guter Grund, Ihren Alkoholkonsum einzuschränken. Wenn Sie es allein nicht schaffen, sollten Sie ruhig Hilfe in Anspruch nehmen. Ihr Hausarzt kann Ihnen kompetente Ansprechpartner nennen.

 

Therapie_GruppentherapieKontakt-Adresse:

NESCURE Privatklinik am See
Am Kurpark 5
82435 Bad Bayersoien

Kostenlose Info-Hotline: 0800 700 9909  (Mo-Fr von 9-14 & 16-19 Uhr), Internet: nescure.de

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

About André Berger

Geboren in Hamburg. 1986-1990 freier Reporter. 1991 Redakteur Heinrich Bauer Verlag. Seit 1992 freier Medizinreporter Meine Arzt- & Patienten-Reportagen (Text & Fotos) erscheinen regelmäßig in den großen, wöchentlichen Publikums- und Frauenzeitschriften des Burda-Verlags, der Funke-Gruppe und des Bauer Verlages