Ein Schrittmacher schaltet meine Rückenschmerzen einfach aus

Patientin_AndreaRodehueser5Tapfer. Sich mit dem Schicksal zu arrangieren, lag Andrea Rodehüser (44) noch nie. Als vor 23 Jahren die gebürtige Brasilianerin hierher kam, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Und als kurz darauf ihr Mann verstarb, da rettete sie sich nicht zurück in den Schoß der Familie. Sondern entschied sich, hier zu bleiben. Im Interesse der zwei Kinder, vier und ein Jahr alt. Auch wenn das erstmal bedeutete, als Regal-Packerin im Supermarkt zu arbeiten.

Unfall. Als allerdings vor zwei Jahren dieser brennende Schmerz ins Leben der inzwischen als Altenpflegerhelferin tätigen Frau trat, da fühlte sie erstmals richtig klein. „Es war ein Samstag im September 2015. Ich war in einer Reha-Einrichtung tätig, als ein Bett mit einem 120-Kilo-Patienten wegen eines Defekts plötzlich zusammenbrach. Reflexartig versuchte ich den hilflosen Mann zu halten“, erinnert sich die Frau aus Bergisch-Gladbach exakt.

Patientin_RueckenschmerzFeuer. Ein bestialisches Brennen expodierte im Kreuz. Und augenblicklich schoss ein Schmerzblitz bis in den linken Fuß von Andrea Rodehüser. „Die Schicht brachte ich nur noch humpelnd zu Ende. Den nächsten Tag – ein Sonntag – betäubte ich mich mit Schmerzmitteln. Schließlich brauchten mich die Menschen. Erst am Montag saß ich beim Arzt – und bekam augenblicklich die Krankschreibung.“

Diagnose. Der Orthopäde diagnostizierte einen Bandscheibenvorfall zwischen dem vierten und fünften Lendenwirbel, verordnete Ruhe und Schmerztabletten. „Er erklärte mir, dass sich die Bandscheibe wieder von allein zurückziehen werde. Und dass dann auch die Schmerzen verschwinden. Allerdings waren die Beschwerden ein Jahr später noch genauso präsent – trotz aller Schonung und Pillenschluckerei!“

Patientin_SchmerzmittelZweitmeinung. Andrea Rodehüser wandte sich an eine Klinik in Köln. Dort wurde sie als chronische Schmerzpatientin eingestuft. „Wir können jetzt entweder ihre Wirbelsäule versteifen oder versuchen, mit Opiaten der Beschwerden Herr zu werden“, schlug ihr der behandelnde Arzt vor.

Nebenwirkung. Andrea entschied sich für Tabletten und Korsett. „Rückblickend ein Fehler. Ich stand mehr und mehr neben mir, wurde depressiv, traute mich kaum noch aus dem Haus. Der Freundeskreis wurde immer kleiner. Meine Gedanken kreisten um Selbstmord – obwohl mein zweiter Mann, die Kinder und die Schwiegereltern alles taten, um mir zu helfen. Doch gegen den anhaltenden Schmerz waren auch sie machtlos.“

Arztgespraech_ElektrodenpositionHinweis. Mitte 2017 bekommt sie es vom Amt schwarz auf weiß: 30 Prozent Schwerbeschädigung. „Ein glücklicher Zufall, dass mich fast zeitgleich ein Artikel in einer Zeitschrift im Wartezimmer und meine Apothekerin auf ein neues Verfahren aufmerksam machten, das u.a. im St. Josef Krankenhaus in Wuppertal eingesetzt wird: ein Schrittmacher gegen chronische Schmerzen. Umgehend machte ich Termin in der Schmerz-Sprechstunde.“

Experte_Schrittmacher2Bewährt. „Seit rund dreißig Jahren wissen wir, dass Strom die Schmerzweiterleitung zum Gehirn unterbrechen und so chronische Beschwerden lindern kann“, erklärt ihr der Leiter der Neuromodulation Dr. Sebastian Gillner (32). „Dazu werden im Rahmen eines kleinen, operativen Eingriffs Elektroden in den Rückenmarkskanal positioniert. Ein spezieller Generator – ähnlich dem Herzschrittmacher – gibt elektrische Signale ans Rückenmark ab.“

Fortschritt. In Wuppertal kommt dabei ein Modell zum Einsatz, das auf der modernsten Stimulatortechnik beruht. Wie beim Funktelefon wird statt eines Dauersignals ein begrenzter Stromimpuls mit fester Frequenz übertragen. „Das Gerät ist im Wechsel 30 Sekunden an und 30 Sekunden aus. Der Vorteil: das Signal wird vom Patienten kaum wahrgenommen, entwickelt gleichzeitig sehr gute schmerzlindernde Effekte“, so der Neurochirurg, der den Schrittmacher getestet hat.

Arztgespraech_SchmerzskalaBeratung. Nach ausführlicher Untersuchung und Vorstellung des Falls in der Schmerzkonferenz, einer Expertenrunde, in der Ärzte verschiedener Fachrichtungen über die jeweils beste Therapie beraten, schlägt Dr. Gillner Andrea einen ersten Test per „Stromnadel“ vor.

Recherche. „Die Wirkung war erstaunlich. Fast zwei Tage war das Brennen deutlich besser. Erst danach kehrte die Pein zurück. Mein Schwiegersohn kannte im Freundeskreis sogar jemanden, der sich bereits behandeln lassen hatte und machte uns bekannte. Außerdem zeigte er mir auf Youtube im Internet ein Video, wie der Eingriff abläuft. So gut informiert gab ich Doktor Gillner grünes Licht, bekam für Anfang August den OP-Termin.“

Operation_ElektrodeTestung. Das Legen der beiden Elektroden in den Rückenmarkskanal erfolgt in örtlicher Betäubung. Dr. Gillner: „Wir brauchen die Patienten-Mithilfe, um die beste Position zu finden. Bereits während des Eingriffs werden die Elektroden mit einem kleinen Generator verbunden. Sobald der Patient ein angenehmes Kribbeln im Schmerzgebiet spürt, wissen wir, wir liegen richtig!“

Operation_Roentgencheck2Probe. Andrea Rodehüser bleibt drei Tage in der Klinik, darf mit dem Test-Generator, den sie in einer kleinen Tasche am Körper trägt, nach Hause. „Für mich war es ein kleines Wunder. Die Schmerzen, die bislang meinen ganzen Tag beherrscht hatten, waren weg. Lag ich vorher auf einer Skala von 1 bis 10 zwischen sieben und acht, pendelten sich nun die Beschwerden zwischen zwei und drei ein. Ich brauchte deutlich weniger Medikamente. Und als mich Doktor Gillner eine Woche später fragte, ob ich den Schrittmacher wieder hergeben würde, war meine Antwort ein klares Nein!“

Demonstration_Schrittmacherposition2Implantation. Aufgrund der erfolgreichen Schmerzlinderung schlägt der Neurochirurg den zweiten Schritt bei der Neuromodulation vor: die Implantation eines Permanent-Schrittmachers oberhalb des Hüftknochens. Der Vorteil: Das gesamte System liegt unter der Haut. Die Patienten können uneingeschränkt baden oder duschen.

Entzug. „Mein zweiter Eingriff erfolgte zehn Tage später. Diesmal unter Vollnarkose. Und dann fing für mich ein neues Leben ohne Schmerztabletten an“, strahlt Andrea Rodehüser. „Die ersten Tag waren durch den Entzug recht mühsam. Doch seitdem hat sich meine Lebensqualität nur noch verbessert!“

Patientin_GartenBelohnung. Als Erstes fliegt das quälende Korsett in den Keller. Dann geht’s in den Garten – zum Rasenmähen. „Ich freute mich wie ein Kind über jeden schmerzfreien Moment“, sagt die Frau glücklich. „Der schönste Augenblick kam allerdings am dritten November 2017. Da konnte ich meinen Enkel kurz nach der Geburt ohne Beschwerden in die Arme nehmen – da wusste ich, dass sich alle Mühe gelohnt hatte!“

 

Experte_Elektrode4Fünf Fragen an den Experten – Dr. Sebastian Gillner (32), Leiter Neuromodulation, Krankenhaus St. Josef in Wuppertal

Für wenn kommt der Schmerzschrittmacher in Frage? Mit der so genannten multimodalen Schmerztherapie mit Medikamenten und krankengymnastischen Anwendungen können wir vielen Menschen helfen – leider nicht allen. Wenn Schmerzen weiter das Leben belasten oder Nebenwirkungen der Medikamente zu stark werden, ist der Schmerzschrittmacher – wir sagen „die Neuromodulation“ – fester Bestandteil unseres Therapiekonzepts.

Implantat_Schrittmacher2Wie sicher ist das Verfahren? Seit den 1980er Jahren wird der Eingriff routinemäßig eingesetzt. Seither belegen viele klinische Studien die gute Wirksamkeit und die erhebliche Reduzierung der Medikamentendosis. Die Patienten nehmen aktiver am Leben teil, können besser schlafen. Die Lebensqualität steigt.

Wie funktioniert die Neuromodulation? Das wissen wir nicht ganz genau. Was wir wissen ist, dass trotz des Stroms akute Schmerzen weiterhin ans Gehirn durchkommen. Aber die Signale, die für den chronischen Schmerz verantwortlich sind, werden durch den Strom gehemmt.

Operation_Elektroden_TextWelche Krankheiten können per Neuromodulation behandelt werden? An erste Stelle stehen bei uns die chronischen Rücken-Beinschmerzen nach Bandscheiben-Vorfällen bzw. -Operationen. Auch Beinschmerzen auf Grund von Durchblutungsschmerzen – die so genannte PAVK – oder chronische Knieschmerzen zählen dazu. Selbst Angina Pectoris, Leistenbeschwerden oder Tumorschmerzen zählen dazu. Eigentlich können wir fast alle chronischen Schmerz-Syndrome lindern.

Wie komme ich in die Schmerzsprechstunde und was kostet die Therapie? Für einen Termin in unserem regionalen Schmerzzentrum brauchen Sie nur eine Überweisung vom Hausarzt oder dem behandelnden Orthopäden. Die Therapie ist eine Kassenleistung.

 

Modell_Wirbelsaeule-SpinalkanalHintergrund „Chronische Schmerzen“

Schmerz, lass‘ nach – bis zu 13 Millionen Deutsche können von diesem guten Gefühl nur träumen. Bei ihnen ist die Pein in Rücken, Kopf oder Gelenken, aber auch in Folge von Osteoporose, Diabetes oder Krebs chronisch. Dieser so genannte „böse“ Schmerz hat seine Warnfunktion verloren. Schlimmer noch: Er hinterlässt im Nervensystem Erinnerungsspuren. Folge: Obwohl der Auslöser bereits weg ist, bleiben die Qualen bestehen.

Nach Erkältungen ist insbesondere das Zwicken im Kreuz zweithäufigster Grund, zum Arzt zu gehen. Dabei sind Rückenschmerzen eigentlich keine eigene Krankheit, sondern Warnsignal, dass das komplizierte Zusammenspiel von Wirbeln, Bändern und Bandscheiben gestört ist.

Selbsthilfe_HometrainerRund 70000 Deutsche werden wegen eines Bandscheibenvorfalls pro Jahr operiert. Leider lindert der Eingriff in vielen Fällen die Schmerzen nur kurzfristig – so das aufsehenderregende Ergebnis einer großen Meta-Studie.

Tatsächlich ist eine Operation – nach Auswertung von rund 1200 Fachartikeln – nur dann Mittel der Wahl, wenn eine akute Blasen-Mastdarm-Störung oder schwere Nervenausfälle vorliegen. Rückenschmerzen allein können in vielen Fällen genauso gut mit einer Kombination aus medikamentöser Therapie, Physiotherapie und Akupunktur behandelt werden.

 

Kontakt: Krankenhaus St. Josef,  Klinik für Schmerzmedizin, Chefarzt Dr. Thomas Cegla, Bergstraße 6-12, 42105 Wuppertal, Tel. 0202/485-4671, Internet: www.krankenhaus-st-josef-wuppertal.de

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About André Berger

Geboren in Hamburg. 1986-1990 freier Reporter. 1991 Redakteur Heinrich Bauer Verlag. Seit 1992 freier Medizinreporter Meine Arzt- & Patienten-Reportagen (Text & Fotos) erscheinen regelmäßig in den großen, wöchentlichen Publikums- und Frauenzeitschriften des Burda-Verlags, der Funke-Gruppe und des Bauer Verlages