Seitdem ich wieder hören kann, lache ich auch wieder

BER_2937Einsamkeit. Schon lang fühlte sich Brigitte Gundlach am wohlsten, wenn sie allein war. Niemand, mit dem die heute 65-jährige reden und – wichtiger – niemand, dem die gelernte Hauswirtschafterin zuhören musste. Kein Wunder, dass sie es liebte, mit dem Trecker draußen auf den  Felder des Bauernhofs zu sein, den sie zusammen mit Ehemann Horst (heute 67) seit 1972 führt.

BER_2797Veranlagung. „Mir war es quasi in die Wiege gelegt, schwerhörig zu werden – mein Vater, mein Onkel und auch mein Großvater hatten Probleme mit den Ohren.“ Bei Brigitte manifestierte sich die beidseitige Schwerhörigkeit vor über 20 Jahren. „Rund um unsere Silberhochzeit 1997 wurde ich von Freunden und Familie immer häufiger darauf angesprochen – zwei Jahre später bekam ich meine ersten, kleinen In-Ohr-Hörgeräte.“

Grenze.Anfangs kam Brigitte Gundlach mit dem Hörsystem gut zurecht, konnte die Menschen wirklich besser verstehen. „Doch der positive Effekt ließ rasch nach. Knapp fünf Jahre später bekam ich die nächsten Hörgeräte – diesmal bereits als Hinter-Ohr-Ausführung.“

BER_2759Begrenzt.Und so ging es weiter: alle drei bis sechs Jahre sackte die Messkurve des Hörtests wieder ein Stückchen nach unten. Und die Hörgeräte wurden immer größer. „Doch mehr Lautstärke löste das Problem nur begrenzt. Denn mehr Verstärkung beeinträchtigte das Sprachverständnis. Je stärker das Gerät eingestellt war, um so mehr litt ich unter Verzerrungen und Störgeräuschen. Und die Bedröhnung führte zu Kopfschmerzen und Schwindel.“

Teufelskreis. Brigitte Gundlach verstand ihre Mitmenschen immer schlechter. Und ihre Mitmenschen reagierten wiederum mit Unverständnis. „Dann sperr’ doch mal Deine Lauscher auf, hieß es an meinem Arbeitsplatz im Pflegeheim als Hauswirtschafterin – nachdem wir die Landwirtschaft unserem Sohn übertragen hatten“, erinnert sich die Frau aus dem südniedersächsischen Bühren. „Ich fühlte mich regelrecht gemobbt, wenn mich wieder jemand anfuhr: Muss ich Dir alles dreimal erklären, Du hast doch Hörgeräte?“

BER_2674Rückzug. Brigitte Gundlach zog sich immer mehr zurück. Nicht nur beruflich, auch privat. „Beim Dorfball oder an Geburtstagen setzte ich mich gleich abseits, weil ich sowieso nicht verstand, was die Menschen im Durcheinander redeten. Erst gingen Horst und ich immer früher. Dann kamen wir auch noch später. Und zum Schluss ging ich am liebsten gar nicht mehr aus.“

Grenze. Brigittes Glück war eigentlich ihr Bangen um die Enkel. „Um nicht auch noch zu ihnen den Kontakt zu verlieren, fasste ich mir letztes Jahr ein Herz, sprach meinen HNO-Arzt darauf an, ob es nicht eine Alternative zu meinen Hörgeräten gäbe. Und da ich so hartnäckig blieb, bekam ich eine Überweisung an die Universitätklinik Göttingen.“

BER_2505Zufall. Der Hörtest Ende Oktober 2017 in der Audiologie der Uniklinik offenbarte das komplette Ausmaß der Hörminderung: Von zehn Worten konnte Brigitte trotz ihrer Hörgeräte nur ein Wort verstehen – „und selbst das war geraten,“ gibt sie heute zu.

Therapiewechsel. Audiologin Jenny Blum erklärte Brigitte Gundlach, dass selbst modernste Hörsysteme bei solch’ schweren Ausfällen an Grenzen stoßen – und dass in ihrem Fall ein Innenohr-Implantat sinnvoll wäre. „Deshalb wurde ich gleich Professor Dr. Dirk Beutner vorgestellt – der war nur wenige Wochen zuvor als Klinikdirektor nach Göttingen gekommen“, erzählt sie.

BER_2289Fortschritt. „Aufgrund des technologischen Fortschritts ist ein solches Innenohr-Implantat inzwischen nicht nur bei taubgeborenen Kindern oder völlig ertaubten Erwachsenen sinnvoll, sondern auch bei mittel- bis schwergradigen Schwerhörigkeiten wie bei Ihnen“, erklärte ihr der renommierte Implantat-Experte, der zuvor in Köln 14 Jahre lang Verantwortung im Cochlea-Implantat-Zentrum übernommen hatte. „Inzwischen ist der Eingriff so sicher und schonend, dass wir auch ihr restliches Hörvermögen in hohem Maße erhalten können.

BER_2328Stereo. Aufgrund der hohen Standards bei dem Verfahren werden inzwischen immer mehr Patienten hierzulande beidseits versorgt. „Der Stereo-Effekt hat nicht nur den Vorteil eines besseren Sprachverständnisses“, führt Professor Beutner aus. „Sie werden sich so auch wieder besser orientieren können – beispielsweise im Straßenverkehr, weil sie hören, von welcher Seite ein Auto kommt.“

BER_2563Entscheidung.  Die erste Implantation wird für Anfang Dezember 2017 vereinbart. Zuvor sucht sich Brigitte Gundlach bei Jenny Blum ein MED-EL-Gerät aus dem Angebot  der verschiedenen Implantat-Hersteller aus. Dann Farbe und Form des Audioprozessors, den sie zukünftig außen am Kopf oberhalb des Implantats tragen wird. „Dieser hat die Aufgabe, den Schall in Funksignale umzuwandeln, die durch die Kopfhaut an das Cochlea-Implantat (CI) gesendet werden“, erklärt ihr die Audiologin.

BER_2408Schritt. „Direkt vor dem Eingriff war ich natürlich nervös“, gibt Brigitte Gundlach zu. „Ich zweifelte an meiner Entscheidung. Aber dann dachte ich an meine Enkel. Zum Glück war der Eingriff viel weniger belastend als befürchtet. Nach zwei Nächten in der Uniklinik durfte ich nach Hause. Noch konnte ich nichts hören.“

Geduld. Für die Erstanpassung sollte das Implantat gut eingeheilt sein. „Obwohl der Zugang vom äußeren Schädelknochen zur Hörschnecke sehr klein ist und vom Operateur per Hand gefräst wird, braucht der Heilungsprozess. Wir warteten etwa sechs Wochen.

BER_2532Knopfdruck. Am 20. Januar 2018 erfolgt die Erstanpassung des ersten CIs „Den Moment werde ich nicht vergessen, als Frau Blum einen Knopf drückte, und ich plötzlich ein feines Knacken wahrnahm. Erst klang alles metallisch und schnarrend. Dennoch war ich von der Präsenz der Geräusche überrascht. Dank regelmäßiger Hörübungen gewöhnte ich mich schnell an die Informationen, die vom Implantat über die Elektrode an die Sinneszellen in der Hörschnecke übertragen wurden. Bereits nach wenigen Tagen konnte ich mehr Worte verstehen, als am Ende mit meinen Hörgeräten.  Bestärkt druch diesen tollen Erfolg, wünschte ich die CI-Versorgung auch auf der anderen Seite Ende April.“

BER_1739Präzisionsarbeit. Wieder kommt Brigitte Gundlach in den OP, wo Professor Beutner zunächst ein Knochenbett für das Implantat in den äußeren Schädelknochen fräst. „Der Eingriff erfolgt in Vollnarkose“, erklärt der Facharzt für Hals-, Nasen-, Ohrenheilkunde. „Für den Zugang durch den Schädelknochen zur Hörschnecke benutze ich ein OP-Mikroskop. Wichtigstes Ziel ist, so schonend wie möglich die Cochlea zu erreichen und dann die Elektrode vollständig in das schneckenförmige Organ vorzuschieben, um möglichst viele Nervenzellen zu erreichen und die Sinneszellen zu erhalten.“

BER_1857Wandel. Für Brigitte Gundlach ist auch der zweite Eingriff kein Problem. „Ich bin sehr glücklich, meine Angst überwunden zu haben. Und die Fortschritte, die ich täglich mache, sind der schönste Lohn.“

BER_3033Glück. Da sie über das Implantat auch telefonieren kann, hat sich ihr auch dort eine ganz neue Welt erschlossen.Ich gehe wieder auf Veranstaltungen und freue mich über Geburtstags-Einladungen“, erzählt sie. „Seitdem ich wieder hören kann, lache ich auch wieder. Und das bemerken nicht nur die Enkel, sondern auch mein Mann.“

Gesang.Horst Gundlach kann tatsächlich eine ganz besonders schöne Heilungsepisode berichten. „Neulich, kam ich ins Haus. Und da war Schlagermusik an und dazu sang jemand. Wunderschön, doch ich brauchte einen Moment, bis mir klar wurde, dass das meine Frau war. So lange hatte ich sie nicht mehr singen gehört!“

 

Fünf Fragen an Professor Dirk Beutner

 BER_2172Weshalb werden wir eigentlich schwerhörig? Die häufigste Ursache für Taubheit ist der Untergang von Sinneszellen im Innenohr: Die so genannten Haarzellen wandeln die Schallwellen in der Hörschnecke – lat. Cochlea – in elektrische Nervenreize um, die von dort an das Gehirn geschickt werden. Der Untergang kann durch viele Ursachen ausgelöst werden, z.B. durch Lärm, Durchblutungsstörungen, Infekte, Verletzungen. Auch durch genetische Veranlagung können die Haarzellen komplett ihre Funktion verlieren. Hier kann seit ca. 35 Jahren ein Cochlea-Implantat-System gut helfen.

 BER_2372Wie ersetzt das CI-System das Ohr? Das künstliche Innenohr besteht aus zwei Komponenten: Dem so genannten Audioprozessor, der außerhalb des Körpers Geräusche aufzeichnet und in digitale Impulse umsetzt und dem Implantat (Impulswandler), der unter der Haut hinter der Ohrmuschel eingepflanzt wird. Hier werden die „Außensignale“ von der Sendespule durch die Haut empfangen, umgewandelt und über feine Drähte an bis die Elektroden weitergleitet, die im Innenohr liegen.

BER_2296Wieso reagiert der Körper auf diese Impulse? Das Geniale ist, dass in der so genannten Hörschnecke auch beim Gesunden die mechanischen Schallwellen in elektrische Reize umgewandelt und über den Hörnerv ans Gehirn weitergeleitet werden. Der elektrische Impuls des Cochlea-Implantats entspricht diesem Bauplan. Die Menschen können nach gewissem Training wieder hören.

Wann ist ein Cochlea-Implantat sinnvoll? Ein Cochlea-Implantat ist für Taube oder beidseitig hochgradig Schwerhörige geeignet, die von einem Hörgerät keinen ausreichenden Nutzen mehr haben, wie zum Beispiel (Klein)-Kinder mit angeborenem hochgradigem oder vollständig beidseitigem Hörverlust. Und Jugendliche und Erwachsene mit hochgradiger Schwerhörigkeit oder Ertaubung nach Spracherwerb. Voraussetzungen sind sowohl ein ausreichendes Sprachverständnis, als auch ein intakter Hörnerv zur Weiterleitung der elektrischen Signale ans Gehirn.

BER_2112Wer übernimmt die Kosten für eine Cochlea-Implantation? In der Regel bei entsprechender medizinischer Indikationsstellung übernehmen sowohl die gesetzlichen als auch die privaten Krankenkassen die Kosten. Auch bei einseitiger Ertaubung ist eine Kostenübernahme bei medizinischer Indikation die Regel.

 

Wunderwerk Cochlea

BER_1983Das sprichwörtliche Gras können wir zwar nicht wachsen hören – dennoch ist das Innenohr (auch Cochlea genannt) unsere sensibelste Antenne zur Außenwelt. Stimmen, Geräusche, Musik – alle akustischen Reize werden in der Hörschnecke in elektrische Impulse umgewandelt, die anschließend vom Gehirn „interpretiert“ werden.

Dabei ist das Ohr unser empfindlichstes, genauestes und auch leistungsfähigstes Sinnesorgan.  Gekrönt wird das Ganze mit einer absolut genialen 3D-Hörfunktion, die uns leider oft erst bewusst wird, wenn wir auf sie verzichten müssen. De facto nimmt das Gehirn alles über 10 Mikrosekunden Delay (Laufzeitunterschied zwischen dem rechten und dem linken Ohr) als Versatz wahr und errechnet daraus eine dreidimensionale Hörwelt. Im Dschungel der Großstadt können wir dadurch sehr genau hören, ob sich ein Auto von uns weg bewegt oder auf uns zu kommt.

 

Hintergrund „Schwerhörigkeit“

BER_2598Fast 20 Millionen Deutsche haben eine Hörminderung. Und das hat nichts mit dem Alter zu tun. Bereits jeder zehnte Jugendliche ab 14 weist einen Hörschaden auf. Und jährlich erkranken 15000 Bürger an akuter Schwerhörigkeit.

Lärmbedroht amstärksten den empfindlichen Hörsinn. Gefahrenquellen sind Straßenverkehr oder Baustellen, Konzerte, Musik-Player, aber auch unauffällige Dauerlärmquellen wie Haushaltsgeräte, Rasenmäher oder Computer. Am Ende zählt gerade die Summe der Geräusche: Hörzellen verkraften 40 Stunden lang Lautstärken bis zu 85 Dezibel, doch schon bei 100 reicht eine Stunde, um sie zu zerstören. Aktuelle Forschungen zeigen, dass es auch schon Hörverluste im Hochfrequenzbereich geben kann, die von normalen Hörtestungen nicht erfasst werden.

 

Tipps zur Ohrgesundheit

BER_2307Gönnen Sie dem Ohr angemessene Ruhepausen, wenn‘s besonders laut war. Schalten Sie störende Hintergrundgeräusche ab und vermeiden Sie laute Knallgeräusche. Leider nehmen viele Menschen Hörschäden hin, ohne aktiv zu werden. Oft dauert es zehn Jahre oder länger, bis ein Hörgeschädigter den Experten aufsucht. Hörgestörte sollten  regelmäßig alle zwei Jahre vom Fachmann zur Kontrolle, um ein Fortschreiten der Hörstörung rechtzeitig erkennen und behandeln zu können.

 

Schnelltest:Wie gut hören Sie?

 

1.Fällt es Ihnen schwer, jemanden zu verstehen, der Sie von hinten oder von der Seite anspricht?

  1. Beschweren sich andere Menschen manchmal darüber, dass Sie Ihr Radio oder Ihren Fernseher zu laut stellen?
  2. Ist es Ihnen schon passiert, dass Sie ein herannahendes Auto erst im letzten Moment gehört haben?
  3. Haben Sie das Gefühl, dass die meisten Menschen immer undeutlicher sprechen?
  4. Überhören Sie gelegentlich den Wecker oder das Telefonläuten?

 

Auswertung:

Leider kann schon bei einer positiven Antwort Ihr Hörvermögen vermindert sein. Es wäre gut, wenn Sie einen professionellen Hörtest beim Hörakustiker oder Hals-Nasen-Ohrenarzt machen würden, um die Situation realistisch einschätzen zu können.

 

BER_2650Kontakt:Universitätsmedizin Göttingen, Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Prof. Dr. med Dirk Beutner, Robert-Koch-Straße 40, 37075 Göttingen, Tel. 0551-39-22801, Internet:www.hno.med.uni-goettingen.de

Weitere Informationen CI: MED-EL Elektromedizinische Geräte Deutschland GmbH, Moosstraße 7, 82319 Starnberg, gebührenfreie Hotline: 0800 0077030, Internet: www.medel.de

Informationen aus erster Hand von erfahrenen CI-Trägern: www.hörpaten.de

 

 

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About André Berger

Geboren in Hamburg. 1986-1990 freier Reporter. 1991 Redakteur Heinrich Bauer Verlag. Seit 1992 freier Medizinreporter Meine Arzt- & Patienten-Reportagen (Text & Fotos) erscheinen regelmäßig in den großen, wöchentlichen Publikums- und Frauenzeitschriften des Burda-Verlags, der Funke-Gruppe und des Bauer Verlages