Ein kleiner Eingriff mit der Hitze-Nadel ersparte mir eine Schilddrüsen-OP

Patientin_GeschaeftstuerAuffällig. Ihr „mediterranes“ Temperament ist immer noch das selbe. Fröhlich, zupackend, herzlich. Dennoch hat sich bei Katja Vassiliadou (42) grundlegend etwas verändert. „Ich bin ruhiger geworden“, erzählt die Wuppertalerin, deren Eltern aus Nord-Griechenland stammen. „Das Launenhafte und auch meine Wutausbrüche sind plötzlich weg – das fällt sogar meinem Mann und den Kinder auf.“

Schluckbeschwerden. Vor zwölf Jahren schlichen sich die Beschwerden ins Leben von Katja, die zusammen mit ihrer Schwester ein großes Brautmodengeschäft führt. „Wir fingen damals gerade an. Und ich litt auf einmal unter einem trockenen Hals, hatte beim Schlucken Probleme“, erinnert sie sich. „Als die ,Erkältung’ nach drei Monaten nicht besser wurde, ging ich zum Arzt.“

Patientin_BrautmodengeschäftWassermangel. Für den Allgemeinmediziner war der Fall klar: „Sie trinken zu wenig. Durch ihren Beruf müssen Sie viel reden. Das trocknet die Schleimhäute aus. Sie werden sehen: drei Liter Wasser und ungesüßten Tee pro Tag spülen die Beschwerden weg.“ Auch die ständige Müdigkeit und die beklagte Launenhaftigkeit schob der Arzt auf den Stress der Existenzgründung.

Diagnose_Schlucktest5Entdeckung. „Geholfen war mir damit nicht – im Gegenteil: Die Beschwerden wurden immer schlimmer. Da konnte ich trinken, soviel ich wollte. Als ich wenig später Mutter von einem Mädchen und – zwei Jahre darauf – von einem Jungen wurde, schob ich das Gefühl der latenten Überforderung aber selbst auf die gestiegende Doppelbelastung – bis mich vor neun Jahren meine Schwester beim Einkauf darauf aufmerksam machte: Da hast Du aber eine komische Beule am Hals!“

Spur. Erneut ging Katja Vassiliadou zum Arzt. Und zum nächsten. Und dann noch einmal zum anderen. Bis im Rahmen der kostenlosen Vorsorgeuntersuchung „Check-up 35“ eine Ärztin den Hals der jungen, schlanken Frau per Ultraschall kontrollierte. Genauer die Schilddrüse. Und tatsächlich wurde sie fündig: „Da sind Knoten. Höchstwahrscheinlich gutartig. Aber damit wir auf der sicheren Seite sind, müssen Sie zum Endokrinologen.“

Schilddruese_SzintigrammBefund. „Den Termin beim Hormon-Spezialisten zu bekommen, war nicht so leicht. Sechs Monate später hatte ich ein Szintigramm von meiner Schilddrüse. Im dazugehörigen Arztbrief die Diagnose: Kalter Knoten und Schilddrüsenunterfunktion“.

Hintergrund: Fast jede dritte Frau hierzulande bekommt im Laufe ihres Lebens ein Problem mit der kleinen Hormonfabrik im Hals – fast jede Fünfte leidet unter einer Vergrößerung; bei jeder Siebten liegt eine Gewebeveränderungen vor; jede Vierte hat – wie Katja Vassiliadou – einen Knoten.

Diagnostik_Abtasten2Therapie. „Gegen die Unterfunktion bekam ich Tabletten. Auf Dauer machten mich aber die Nebenwirkungen verrückt. Ständig schlug mir das Herz bis zum Hals. Nachts kam ich durch das nervige Pochen in meiner Brust kaum noch zu Ruhe“, erzählt sie. „Nahm ich die Tabletten mal nicht, fiel ich wiederum in ein tiefes Loch. Es war ein ständiges Auf und Ab“.

Schlimmer: Auf das Wachstum des Knotens hatten die Tabletten keinen Einfluss. Die Beule am Hals von Katja wurde immer größer. Und damit auch die Beschwerden wie Schluckstörungen. „Ende letzten Jahres reichte es mir: ich stellte mich in der Chirurgie im Krankenhaus vor, bekam noch für den Tag vor Weihnachten einen Termin zur operativen Entfernung des Knotens.“

Arztgespraech_NachuntersuchungAlternative. Zu Hause beschlichen Katja allerdings Zweifel ihrer raschen Zusage zur OP. Lieber googelte sie noch mal im Internet, stieß dabei auf die neue Technik der Mikrowellenablation. Sie soll eine herkömmliche Operation vermeiden. „Wie elektrisiert suchte ich einen Experten in meiner Nähe, gelangte so auf die Homepage des St. Vinzenz-Hospital in Köln-Nippes. Wenige Tage später stellte ich mich dort bei Professor Schneider vor.“

Arztgespraech_Sonde2Abbau. „Bei diesem nicht-operativen Verfahren, das wir seit 2015 erfolgreich anwenden, wird durch Wärme das schädliche Gewebe zerstört. Im Anschluss baut das körpereigene Immunsystem über Monate die deaktivierten Zellen ab. So wird der Knoten mit der Zeit deutlich kleiner“, erklärte Professor Dr. Stephan Schneider Katja Vassiliadou. „Der Vorteil zur Operation: die Thermoablation ist schonender, wird nur unter örtlicher Betäubung gemacht. Es bleibt keine sichtbare Narbe am Hals zurück. Und die Patienten können nach einer Nacht in der Klinik nach Hause!“

Eingriff_LokalanaesthetikumAbsage. Erleichtert entscheidet sich Katja für die Thermoablation, sagt den anderen OP-Termin ab und bekommt gleich für den fünften Januar 2018 einen Termin. „Dazu reiste ich einfach morgens am Tag des Eingriffs an“.

Spritze. Für Professor Schneider ist das Verfahren nach rund 700 Eingriffen reine Routine: nach Desinfektion und örtlicher Betäubung der Halsregion per schmerzstillender Spritze platziert er unter Ultraschallkontrolle die Spezialnadel in den Knoten in der Schilddrüse.

Eingriff_WasserkuehlungGezielt. „Per Kabel ist die Nadel an einen Mikrowellen-Generator angeschlossen, der die Nadelspitze für mehrere Minuten elektrisch auflädt. In diesem Bereich entsteht punktuell der Hitzenschaden“, so der Chefarzt der Diabetologie und Endokrinologie. „Gleichzeitig sorgt eine Wasserkühlung dafür, dass umliegendes, gesundes Gewebe, wie zum Beispiel Nerven geschont werden.“

Diagnostik_UltraschallPopcorn. „Bei mir dauerte die ganze Behandlung knapp 20 Minuten. Während der Stromabgabe konnte ich hören, wie das Gewebe durch die Hitze platze – es klang, als würden Popcorn aufspringen. Danach konnte ich mich auf meinem Zimmer ein bisschen von der Aufregung erholen. Nach einer Stunde lief ich aber schon wieder fröhlich herum. Schmerzen hatte ich keine. Nur direkt während der Behandlung hat es manchmal bisschen gezogen.“

Patientin_KatjaVassiliadouOhne Tabletten. Die größte Erleichterung folgt am nächsten Tag bei Entlassung: „Bevor ich zurück nach Wuppertal fuhr, meinte Professor Schneider, dass ich jetzt die lästigen Tabletten einfach weglassen soll“, strahlt die 42jährige zufrieden. „Und tatsächlich: nach der Behandlung normalisierte sich die Hormonproduktion quasi von selbst. Ich hatte keine Kreislaufbeschwerden mehr, das Herz schlug normal. Andererseits war auch die Müdigkeit und auch das Unwohlsein weg.“

Abbau. Innerhalb der nächsten Monate gingen nach und nach auch die Schluckbeschwerden und das Engegefühl am Hals zurück. „Als ich jetzt Anfang Juli zur Nachkontrolle nach Köln kam, war der Knoten von knapp drei auf bereits 1,7 Zentimeter geschrumpft ist. Gott sei Dank ist damit das Thema Schilddrüsen-OP für mich vom Tisch!“

 

Experte_Ultraschall2Fünf Fragen an den Experten, Professor Dr. Stephan Schneider (48)

 Welche Vorteile hat die Thermoablation? Der größte Vorteil ist die minimal-invasive Methodik, sprich es ist nur eine lokale Betäubung notwendig, das Risiko einer sichtbaren Narbe ist minimal, das gesunde Gewebe wird maximal geschont, die Komplikationsrate ist sehr niedrig bei gleichzeit hoher Erfolgsquote. Die Funktion der Schilddrüse bleibt erhalten. Es ist keine Hormontherapie notwendig.

Wie schnell zeigt sich der Erfolg? Aktuelle Studien zeigen, dass das Volumen der Schilddrüsenknoten bereits drei Monate nach Behandlung im Schnitt um ein Drittel bis zur Hälfte abnimmt. Nach einem halben Jahr liegt die Abnahme bereits bei 40 bis 65 Prozent. Und im Langzeitverlauf nach einem Jahr haben sich die Knoten um bis zu 90 Prozent verkleinert.

Detail_FrequenzsondeFür wen ist das Verfahren geeignet? Eigentlich alle Patienten, bei denen ein so genannter „heißer“ oder „kalter“ Knoten festgestellt worden ist und bei denen eine operative Entfernung der Schilddrüse oder des Knotens nicht zwingend nötig ist. Letzteres ist eigentlich nur bei sehr großen, tiefliegenden Knoten bzw. bei Verdacht auf Krebs notwendig. Besonders profitieren vor allem ältere Pateinen, bei denen Vorerkrankungen (z.B. des Herz-Kreislauf-System) eine OP schwerig macht.

Was ist eigentlich typisch „Schildrüsen“-Leiden? Das ist gar nicht so leicht, denn oft verstecken sich erste Symptome der Über- oder Unterfunktion hinter  Störungen des Wohlbefindens. Typisch für die Unterfunktion – etwa aufgrund einer Hashimoto-Entzündung – sind vermehrte Müdigkeit, Leistungsschwäche, Gewichtszunahme, trockene Haut, dünnes Haar, unregelmäßige Periode, Depressionen. Genau umgekehrt die Überfunktion, z.B. durch Morbus Basedow: Anzeichen sind hier Schlafstörungen, innere Unruhe, Dauerhunger, Gewichtsverlust, Hitzewallungen, Herzklopfen.

Warum sind Unterfunktionen meist weiblich? Das „Frauenhormon“ Östrogen wirkt auch auf die Schilddrüse, kann dort die Hormonproduktion reduzieren. Deshalb sind „Östrogen-Hochzeiten“ – während der Schwangerschaft oder bei Zyklusstörungen ab Mitte 30 – für die weibliche Schilddrüse besonders belastend.

 

Schilddruese_Modell2Wunderwerk Schilddrüse

Als kleines, schmetterlingsförmiges Organ liegt die Schilddrüse wie ein Schild vor der Luftröhre, gleich unterhalb des Kehlkopfes und dicht an den Hals-Schlagader und -Vene, um seine lebenswichtigen Hormone ans Blut abzugeben.

Denn eigentlich ist die Schilddrüse nichts anderes als eine kleine Chemiefabrik, die u.a. aus Jod Hormone herstellt, speichert und auf Geheiß der Hirnanhangdrüse ins Blut ausschüttet – so den  gesamten Stoffwechsel steuert.

Wenn die Schilddrüse zu wenig Hormone abgibt, spricht man von einer Unterfunktion (Hypothyreose); eine Überfunktion nennt man „Hyperthyreose“. Jodmangel führt zur Vergrößerung der Drüse.  Folge sind häufig gutartige Knoten, die sowohl aktiv (heiß), als auch inaktiv (kalt) sein können.

Die gute Nachricht: Der Jodmangel hierzulande ist fast vorüber. Dank des hohen Gehalts in der Milch und häufigerer Verwendung in Gastronomie und Lebensmittelindustrie wird die Schilddrüse seit rund 20 Jahren immer besser mit dem Hormon-Baustein versorgt.

Klinik_StVinzenzKoeln2Kontakt:St. Vinzenz-Hospital, Klinik für Innere Medizin II, Prof. Dr. Stephan Schneider, Merheimer Straße 221-223, 50733 Köln-Nippes, Tel. 0221 7712-362 (Sekretariat) Internet: www.vinzenz-hospital.de

Kosten: Die Kosten des Eingriffs werden sowohl von den privaten als auch gesetzlichen Krankenkassen übernommen

Wichtig: bei der vorgestellten Patienten-Reportage handelt es sich um einen Einzelfall. Der individuelle Behandlungsbericht erhebt nicht Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Bitte beachten Sie, dass mein Artikel in keinem Fall eine Beratung durch den Arzt oder Apotheker ersetzt. Dieser Blog dient allein der medizinjournalistischen Information

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About André Berger

Geboren in Hamburg. 1986-1990 freier Reporter. 1991 Redakteur Heinrich Bauer Verlag. Seit 1992 freier Medizinreporter Meine Arzt- & Patienten-Reportagen (Text & Fotos) erscheinen regelmäßig in den großen, wöchentlichen Publikums- und Frauenzeitschriften des Burda-Verlags, der Funke-Gruppe und des Bauer Verlages