Selbst bei fortgeschrittenem Brustkrebs lohnt es sich heute zu kämpfen

Patientin_Frauenklinik2Wichtig. „Natürlich kann und will ich nicht beschönigen, was mir im Mai 2017 widerfahren ist. Damals nahm das Leben eine komplett unerwartete Wendung. Dennoch gibt es nicht nur Negatives.“ Bevor Regina Jehn-Nitsche in das Interview einwilligt, will sie wissen, ob darin auch Dinge erscheinen, die ihr wichtig sind. Und dieser Satz ist der 54jährigen wichtig: „Ich will nicht andauernd auf meine Krankheit reduziert werden. Ich bin nicht nur ,Krebs’. Da sind genauso Freude, Energie und Willen – und da ist auch ganz viel Gesundheit!“

Frueherkennung_Befundung KopieMutlos. Um den Satz besser zu verstehen, muss man wissen, dass die Ärzte der dreifachen Mutter aus der Nähe von Fulda bei Erstdiagnose ihres „metastasierten Brustkrebs“ eigentlich keine Chance mehr gaben. „Von Seiten der Klinik wurde mir weder der Befund noch der Therapievorschlag mitgeteilt. Nach Gewebeentnahme, Szintigraphie und PET-CT wurde ich  in die Klinik bestellt. Nach zweieinhalb Stunden Warten und Ungewissheit bekam ich die Mitteilung, dass die Befundbesprechung wegen noch fehlender Informationen auf die nächste Woche verschoben werden müsse.“

Patientin_Arztgespraech2Hausbesuch. Der engagierten Hausärztin verdankt Regina Jehn-Nitsche, dass sie nicht noch das ganze Wochenende mit Bangen verbringen muss. Als die Medizinerin davon hört,  lässt sie sich umgehend die Ergebnisse aus der Klinik faxen, steht abends unangemeldet persönlich vor der Tür. „,So schlimm?’, hörte ich mich selber sagen. ,Sie haben Metastasen in den Knochen gefunden,’ antwortete die Medizinerin, die genau wie ich mit den Tränen kämpfen musste. Von meiner Gynäkologin erfuhr ich wenige Tage  später den Therapievorschlag der Klinik: keine Operation, keine Chemotherapie, nur palliative Behandlung – Heilung gibt es nicht mehr.“

Diagnostik_Ultraschall2Fragen. Der nächste, klare Gedanke, an den sich Regina Jehn-Nitsche erinnert, ist: „Was habe ich falsch gemacht? Warum ist der Tumor bereits so fortgeschritten?“ In ihrer Familie ist Brustkrebs nie ein Thema. Alle drei Kinder hat sie gestillt – beides senkt das Risiko. Außerdem geht sie über 20 Jahre lang regelmäßig zur Vorsorgeuntersuchung, lässt sich – auf eigene Kosten – einmal jährlich per Brustultraschall untersuchen.

Selbsthilfe_Abtastensymbol KopieAntwort. Selbst als sie im Sommer 2016 beim Duschen diese gerade stecknadelkopfwinzige Veränderung in der rechten Brust tastet, geht sie sofort zum Frauenarzt. „,Das ist nichts. Das ist verklebtes Drüsengewebe’, lautete die Antwort des erfahrenen Arztes. Hätte es was geändert, wenn ich den beruhigenden Worten misstraut hätte?“ fragt sich Regina Jehn-Nitsche bis heute.

Veränderung. Als der Knoten dann im Mai 2017 größer wird, geht sie erneut in die Praxis. Inzwischen ist dort eine Frauenärztin tätig.  „Im Ultraschall tauchte ein ausgefranstes, schwarzes Loch auf. Ich hatte gleich das Gefühl, dass das nicht gut aussieht. Die weiteren Untersuchungen in der Klinik bestätigten Intuition. Dennoch bin ich kein Mensch, der so schnell das Handtuch wirft.“

Patientin_Klinikeingang2Sprechstunde. Über ihre Tochter bekommt Regina Jehn-Nitsche wenig später die Adresse des Sana Klinikums Offenbach. Das dortige „Brustkrebszentrum“ wurde 2008 von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifiziert, bietet dreimal die Woche betroffenen Frauen die Möglichkeit an, sich eine Zweitmeinung einzuholen.

Entscheidung. „Beruflich bin ich es gewöhnt, mich in komplexe Zusammenhänge einzuarbeiten. Jetzt beim Gespräch in Offenbach wurde mir klar, dass mich die Situation überfordert, dass ich nicht alles kontrollieren kann, dass ich einen Arzt brauche, dem ich vertraue und der wie mit einem aufgespannten Regenschirm vor mir herläuft!“

Experte_Patientengespraech2Probe. Tatsächlich entwickeln die Mediziner in der Tumorkonferenz aufgrund der geringen Größe der Tochtergeschwulst einen ganz anderen Therapievorschlag als die behandelnden Ärzte daheim: Zunächst soll per Chemotherapie ausgelotet werden, wie stabil der Tumor in Wahrheit ist. „Es ist ein bisschen so, wie bei einer Ampel, die gerade von grün umgesprungen ist“, erklärt Professor Christian Jackisch. „Da kann man anhalten, weil gleich rot kommt. Oder man gibt Gas, weil es erst dunkelgelb ist.“

Therapie_IndividuelleChemotherapieChemo. Von Ende Juli 2017 bis Januar 2018 kommt Regina Jehn-Nitsche für die üblichen Infusionszyklen in die Klinik. „Begleitend ging ich zur Heilpraktikerin, die per Nahrungsergänzung und Infusionen die Folgen der Zellgift-Behandlung auf die gesunden Zellen so gut es ging abfing. Ich tröstete mich, dass die Therapie nur vorübergehend ist, biss die Zähne zusammen, während mir das Haar ausfiel.“

Reaktion. Die Tapferkeit zahlt sich aus: Als die Ärzte den Primärtumor kontrollieren, ist er deutlich kleiner. Metastasen im Knochen sind überhaupt nicht mehr nachweisbar. „Aufgrund des guten Ansprechens entschieden wir in der nächsten Tumorkonferenz, die erfolgreiche Behandlung fortzuführen. Ebenso haben wir Frau Jehn-Nitsche in dieser Situation angeboten, das Karzinom aus der Brust zu entfernen, da die Metastasen so gut verkleinert werden konnten. Das ist sicher eine sehr individuelle Entscheidung,“ erläutert Professor Jackisch.

Eigeninitiative_Tagebuch3Reaktion. Der Eingriff am Primärtumor findet am ersten März 2018 statt. Von April bis Mai wird das Gebiet 16 Mal bestrahlt Abschließend folgt die Festlegung der systemischen Nachbehandlung des sogenannten Hormon-Rezeptor positiven, HER2-negativen Tumors. Standard ist hier eine antihormonelle Therapie, in diesem Fall mit einem so genannten Aromatase-Hemmer. Seit August 2017 gibt es außerdem eine neue Option bei metastasiertem Brustkrebs: ein speziell gentechnisch entwickelter Eiweißbaustein hemmt zielgerichtet auf dem so genannten CDK4/6-Signalweg die rasche Teilung von bösartigen Zellen, fördert ihr natürliches Zugrundegehen – die so genannte Apoptose.

Diagnostik_BlutentnahmeVorteil. Die Kombination des Aromatasehemmers mit einem CDK 4/6 Inhibitor ist als orale Therapie verfügbar und unglaublich effektiv. Verglichen mit Chemotherapie sind die Nebenwirkungen der Tabletten erheblich geringer – bei gleichzeitig höherer Wirksamkeit.

Kontrolle.„Hauptaugenmerk lag auf der regelmäßigen Kontrolle der weißen Blutkörper, die behandlungsbedingt absinken können – ohne dabei aber für mich eine Gefahr darzustellen. Das wird bis heute regelmäßig per Blutbild überwacht und durch Anpassung der Dosis abgefangen. Ansonsten fühle ich mich ziemlich stabil. Das neue Medikament nehme ich jeweils drei Wochen einmal am Tag. Danach folgt eine Woche Pause,“ berichtet die Patientin.

Diagnostik_Tagebuch3Auswertung. Über die Einnahme und Nebenwirkungen führt Regina Jehn-Nitsche Tagebuch. Die Aufzeichnungen werden zusammen mit dem verantwortlichen Oberarzt Dr. Benjamin Schnappauf ausgewertet und besprochen. „Erst kam ich in der Regel wöchentlich in die Klinik, dann alle 14 Tage. Inzwischen reicht einmal im Monat. Einmal im viertel Jahr wird ein Kontroll-Scan im CT gemacht. Bislang sieht alles prima aus. Neue Krebsherde sind nicht aufgetaucht. Beschwerden habe ich keine. Natürlich weiß ich, dass es keine Garantie gibt. Aber alles sieht danach aus, dass ich es gerade rechtzeitig über die Ampelkreuzung geschafft, dass ich noch ein ganzes Stück auf der Straße des Lebens vor mir habe.“

Patientin_FensterbankRat. Wem sie das zu verdanken hat, ist Regina Jehn-Nitsche klar – denn das ist ihre zweite, wichtige Message für den Artikel: „Ohne die richtigen Ärzte wäre ich nicht dort, wo ich heute bin. Deshalb rate ich allen in ähnlicher Lage, so lange zu suchen, bis sie den Mediziner haben, dem sie wirklich vertrauen.“ Hier sind in jedem Fall die zertifizierten Brustkrebszentren zu empfehlen (www.onkozert.de), in denen die Ärzte interdisziplinär gemeinsame Behandlungsvorschläge erarbeiten“, ergänzt Professor Jackisch.

 

Experte_ProfChristianJackisch2Fünf Fragen an Prof. Dr. Christian Jackisch (58), Sana Klinik Offenbach

Was bedeutet „metastasierter Brustkrebs“?„Metastasiertes Stadium“ bedeutet, dass sich Zellen vom so genannten Primärtumor in der Brust gelöst und über den Blutkreislauf und/oder das Lymphsystem im Körper verteilt haben. Das führt dazu, dass sich in anderen Geweben oder Organen bösartige Töchtergeschwülste entwickeln. Am häufigsten sind Knochen-, Leber- und Lungenmetastasen beim metastasierten Brustkrebs zu finden.

Wie gefährlich sind solche Tochtergeschwülste? Wenngleich die Therapie bei metastasiertem Brustkrebs in der Regel nicht mehr auf eine komplette Heilung  abzielt, so ist es mir und meinem Team besonders wichtig, eine optimale Strategie der Hoffnung und Effektivität der Behandlungsmaßnahme gemeinsam mit der Patientin und ihren Angehörigen zu erarbeiten. Dazu gehört auch das Angebot an klinischen Studien teilzunehmen, die den Patientinnen den frühzeitigen Zugang zu neuen Behandlungsmöglichkeiten bietet. Insgesamt leben in Deutschland fünf Jahre nach Erstdiagnose noch 88 Prozent aller betroffener Frauen.

Diagnostik_Tagebuch2Welche Fortschritte in der Therapie gibt es? Aufgrund des besseren Verständnisses, was in der Krebszelle passiert, sind in den letzten 20 Jahren zahlreiche, neue Medikamente entwickelt worden, die gezielt in die Steuerung der entarteten Zellen eingreifen. Ein Meilenstein ist sicher die Etablierung der so genannten CDK4/6 Inhibitoren. Genomanalysen haben gezeigt, dass es beim so genannten HR+/HER2- Brustkrebs besonders häufig zu Veränderungen kommt, die zu der unerwünschten Aktivierung der Tumorzelle führen. Inzwischen gibt es Medikamente, die diesen Signalweg so gezielt hemmen können, dass der Einsatz von Chemotherapie weit nach hinten verschoben oder manchmal sogar gänzlich darauf verzichtet werden kann!

Frueherkennung_Mammographie (1)Was kann ich selber tun? Je früher Brustkrebs erkannt wird, desto größer die Chancen geheilt zu werden. Daher sollte es zur Gewohnheit werden, Brust und Achseln selber regelmäßig einmal pro Monat abzutasten – am besten fünf bis sieben Tage nach Beginn der Regelblutung bei jüngeren Frauen. Zur Vorsorge gehört auch die jährliche Untersuchung der Brust durch den Arzt für Frauen ab 30 Jahren, sowie die Teilnahme am zweijährige Mammographie-Screening (Mammographie), zu dem Frauen ab dem 50sten Lebensjahr eingeladen werden.

Gibt es typische Warnsignale? Da viele der betroffenen Frauen den bösartigen Knoten in ihrer Brust selbst entdecken, sollten Sie auf folgende Veränderungen achten: Typisch ist eine Verhärtung, die einseitig nur in einer Brust bzw. einer Achsel auftritt. Weitere Warnsymptome sind Veränderungen der Größe oder Form der Brust, Dellen in der Haut, Einziehungen der Brustwarze bzw. Absonderungen, Rötungen oder Entzündungen. Neu aufgetretene Veränderungen sollten lieber einmal zu viel als zu wenig von der Frauenärztin oder dem Frauenarzt abgeklärt werden.

 

Frueherkennung_Mammografie_Krebs KopieKasten Meilensteine in der Brustkrebstherapie

Eine der wichtigsten Erkenntnisse zum Thema Brustkrebs ist bereits über 100 Jahre alt:  1893 entdeckte ein britischer Arzt, dass die Entfernung der Eierstöcke das Wachstum von Brustkrebs hemmen kann. Dieses Wissen mündete später in die Anti-Hormontherapie bei Brustkrebs mit Hormonrezeptormodulatoren (ab 1976) und Aromatasehemmern (ab 1991). Beide Medikamente sind bis heute Goldstandard bei der Behandlung eines hormon-empfindlichen – auch Hormonrezeptor-positiv (HR+) genannten – Tumors.

1986 entdeckte der Deutsche Axel Ullrich dann, dass etwa 15 bis 30 Prozent aller Mammakarzinome den humanen, epidermalen Wachstumsfaktor-Rezeptor 2 – kurz HER2/neu – vermehrt auf der Außenhülle der Zelle tragen. Zum ersten Mal konnten Forscher logisch nachvollziehen, wie Krebszellen durch Botenstoffe zu ihrem aggressiven Wachstum angetrieben werden. Bis dahin war der HER2-positive Brustkrebs nur ein äußerst bösartiger Tumor mit schlechten Heilungschancen. Erstmals konnten gezielt Medikamente entwickelt werden, die diesen Weg der Zellsteuerung wirksam hemmen.

Letzte Entwicklung stellen nun die sogenannten Rezeptor-Downregulatoren dar, die zur Zerstörung der Hormonrezeptoren auf der Krebszelle führen. Hintergrund: Genomanalysen haben gezeigt, dass es auf dem so genannten CDK4/6-Rb-Signalweg bei so genannten HR+/HER2- Brustkrebs besonders häufig zu Veränderungen kommt, die zu der unerwünschten Aktivierung der Tumorzelle führen.

ITaxolmolekuelnzwischen ist es gelungen, Medikamente zu entwickeln, die diesen Signalweg hemmen können. Eines kommt seit dem 22. August 2017 europaweit zusätzlich zu Aromatasehemmern zum Einsatz. Die Zulassung gilt für Brustkrebspatientinnen nach den Wechseljahren, bei denen der Tumor bereits gestreut hat.

 

Selbsthilfe_AbtastschulungInfokasten Brustkrebs

Laut Schätzung des Robert Koch-Instituts erkranken pro Jahr in Deutschland etwa 75500 Frauen neu an Brustkrebs. Damit ist das Mammakarzinom mit Abstand die häufigste, bösartige Krebserkrankung bei Frauen: Fast jeder dritte Krebs – genau 31,3 Prozent –  befällt das Drüsengewebe der Brust. Im Laufe des Lebens muss etwa jede achte Frau damit rechnen, Brustkrebs zu entwickeln. Das mittlere Erkrankungsalter liegt bei 64 Jahren.

Dennoch gibt es gute Nachrichten: Hierzulande kann Brustkrebs, wenn früh erkannt, zu mehr als 70 Prozent langfristig geheilt werden. Dennoch wird heute bei etwa zehn Prozent aller Frauen die Erstdiagnose Brustkrebs im metastasierten Stadium  gestellt. Nur für diesen, so genannten fortgeschrittenen Brustkrebs gibt es zurzeit keine Heilung. Leider hat das Mammakarzinom – bei allem medizinischen Fortschritt – mit 30,8 Prozent immer noch Hauptanteil daran, warum Frauen an Krebs sterben.

Therapie_IntraoperativeBestrahlung2Während es in den 1970er Jahren nur die Operation, die Bestrahlung und die Chemotherapie gab, stehen heutzutage eine große Anzahl von gezielteren Behandlungsoptionen bei fortgeschrittenem Brustkrebs zur Verfügung. Wenn möglich sollte eine Probe der Metastase entnommen werden, um die genauen Marker festzustellen, da sich diese vom Primärtumor unterscheiden können. Therapieziel ist es, den Krebs möglichst lange zu kontrollieren, das Tumorwachstum einzudämmen und damit die Lebenszeit zu verlängern. Gleichzeitig sollen Symptome gelindert, Begleiterkrankungen behandelt und der Gesundheitszustand stabilisiert sowie die Lebensqualität erhalten werden.

SanaKlinikum_OffenbachKlinik-Kontakt: Sana Klinikum Offenbach, Brustzentrum, Starkenburgring 66, 63069 Offenbach, Internet: www.Klinikum-Offenbach.de

Weitere Informationen: Leitlinien „Mammakarzinom der Frau“ unter www.onkopedia.com

Patienten-Ratgeber: Deutsche Krebshilfe, Buschstraße 32, 53113 Bonn, Telefon: 02 28 / 7 29 90-0, Internet: www.krebshilfe.de

Wichtig: bei der vorgestellten Patienten-Reportage handelt es sich um einen Einzelfall. Der individuelle Behandlungsbericht erhebt nicht Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Bitte beachten Sie, dass mein Artikel in keinem Fall eine Beratung durch den Arzt oder Apotheker ersetzt. Dieser Blog dient allein der medizinjournalistischen Information

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About André Berger

Geboren in Hamburg. 1986-1990 freier Reporter. 1991 Redakteur Heinrich Bauer Verlag. Seit 1992 freier Medizinreporter Meine Arzt- & Patienten-Reportagen (Text & Fotos) erscheinen regelmäßig in den großen, wöchentlichen Publikums- und Frauenzeitschriften des Burda-Verlags, der Funke-Gruppe und des Bauer Verlages